In der deutschen Nachkriegsbörsengeschichte hat es selten ein Vierteljahr gegeben, in dem die Aktienkurse so stark gestiegen sind wie in den letzten drei Monaten. Der Anstieg wird längst nicht mehr von sinkenden Zinsen getragen – hier hat es in den letzten Tagen sogar Enttäuschungen gegeben; ausschlaggebend für die ungewöhnliche Haussebewegung sind die Aussichten auf eine deutliche Konjunkturbelebung im kommenden Jahr.

Börsenexperten gehen davon aus, daß die Unternehmenserträge 1984 durchschnittlich um 25 Prozent steigen werden. Bei „rezessionsgeschädigten“ Unternehmen dürfte es mehr werden, bei den bisher gutverdienenden wahrscheinlich weniger. Folgt man den optimistischen Schätzungen, so wird der größte Teil der deutschen Standardaktien – gemessen an internationalen Maßstäben – auch heute noch zu niedrig bewertet. Das erklärt, warum immer wieder Kaufaufträge aus dem Ausland, vor allem aus den USA und England, eintreffen, die für eine Fortsetzung der deutschen Aktien-Hausse sorgen.

Die in der nebenstehenden Tabelle verzeichneten Erträge je damit beziehen sich auf das Jahr 1982 und habe damit nur noch historischen Wert. Sie gewinnen erst an Interesse, wenn sie zum Vergleich mit „verwandten“ Unternehmen benutzt werden. Bei einem Ertrag je Aktie von 39 Mark (ohne Körperschaftsteuerguthaben) wird die Aktie der Deutschen Bank mit einem Kurs-/Gewinn-Verhältnis von 8,3 niedriger bewertet als die Aktie der Dresdner Bank (Ertrag je Aktie 17 Mark und einem Kurs-/Gewinn-Verhältnis von 10). Wegen des Gewinn-Nachholbedarfes gelten die Papiere der Dresdner Bank und der Commerzbank spekulativ als reizvoller.

Bei der Bewertung der Titel der Großchemie ist zu berücksichtigen, daß vorerst nur Hoechst für 1982 die Dividende bekanntgegeben hat. Hier basiert die Ausschüttungsrendite also bereits auf der 1982er Ausschüttung. Gleichwohl ist sie mit 6,1 Prozent nicht unbedingt uninteressant, zumal für das laufende Jahr schon wieder mit einer Dividendenerhöhung gerechnet wird. Die in der Tabelle angeführten Ausschüttungsrenditen für BASF und Bayer gelten noch für die Dividenden für 1981, haben also keinerlei Aussagewert mehr. Denn beide Unternehmen werden für 1982 ebenfalls ihre Aktionäre schlechter stellen. Die BASF geht möglicherweise sogar auf fünf Mark zurück.

Interessant ist, daß einige Aktien ihre seit 1960 registrierten Höchstkurse inzwischen überschritten haben. Daß dazu zwei Autowerte, nämlich Daimler und BMW, gehören, läßt erkennen, welchen Stellenwert die Aktienkäufer den Spitzenunternehmen der deutschen Autoindustrie einräumen. Wenn der VW-Kurs mit heute knapp 180 noch um rund 200 Mark hinter seinem bisherigen Höchststand zurückliegt, so beweist dies, welche Wandlung das Volkswagenwerk in den Augen der Kapitalanleger während der vergangenen Jahrzehnte durchgemacht hat. Es hat seine frühere Symbolkraft als Denkmal des deutschen Wirtschaftswunders eingebüßt. Managementfehler haben dazu kräftig beigetragen.

Daß auch Siemens einen neuen Spitzenstand an der Börse erreicht hat, geht sowohl auf die dort erkennbar gewordene Ertragswende zurück, aber auch auf die pflegliche Behandlung der Aktionäre, wie sie in der bevorstehenden Kapitalerhöhung zu einem günstigen Ausgabekurs zum Ausdruck kommt. Höhere Ausschüttungen sind nicht das einzige Mittel, um Aktionäre zufriedenzustellen. Zu bedenken ist, daß Dividendenerhöhungen meist nicht nur den Aktionären allein zugute kommen, sondern auch allen Mitarbeitern, deren Tantiemen an die Dividende gebunden sind. Bei der Deutschen Bank kassieren die Mitarbeiter durch die Anhebung der Ausschüttung um eine Mark auf elf Mark rund 60 Millionen Mark zusätzlich.

Einen neuen Höchststand erreichten die RWE-Aktien. Die gerade durchgeführte Mammutkapitalerhöhung ist vom Markt reibungslos aufgenommen worden.