Der neue Nationalismus eint Linke und Konservative

Von Volker Mauersberger

Madrid, im April Sein konservativer Vorgänger hatte den Blick noch eindeutig nach Europa gerichtet und war – kaum als Regierungschef vereidigt – zu Auslandsreisen nach Bonn und Paris aufgebrochen. Der sozialistische Nachfolger wendet sich jedoch nach Süden. „Spanien blickt in alle vier Himmelsrichtungen“, hatte Felipe Gonzalez vor wenigen Wochen gesagt, als er nach den Präferenzen der spanischen Außenpolitik gefragt wurde.

Aber plötzlich und wohl auch schneller, als er selbst erwartete, hat Gonzalez der spanischen Diplomatie nun eine klare Himmelsrichtung zuweisen müssen. In einer geschickt eingefädelten Doppelstrategie schickte der Regierungschef seinen Freund und Stellvertreter im Amt, Alfonso Guerra, nach Algier; zwei Tage später startete er selbst nach Rabat. Mit den Besuchen in Algerien und Marokko hat die sozialistische Regierung Spaniens nicht nur jenen „margen de autonomia“, den Spielraum außenpolitischer Entscheidungsfreiheit definiert, über den König Juan Carlos beim Besuch des schwedischen Königspaares im März absichtsvoll philosophierte, Für die Spanier, aber auch für die Regierungen Westeuropas ist nach den südlichen Erkundungsgängen der neuen Madrider Regierung klar geworden, daß man sich dort höchst eigenwillig um neue Bundesgenossen bemüht. Bei der Rückkehr von seinem Afrikatrip wurde Felipe Gonzalez mit freundlichem Beifall empfangen. „Die Reisen nach Algerien und Marokko“, so lobte diario 16, „eröffnen ein weites Feld von Beziehungen und Kontakten, die für uns alle noch sehr wichtig werden können.“

Dabei war die Reise des Regierungschefs nach Marokko von bangen Vorauskommentaren begleitet worden, die zeigten, wie rasch in Spanien eine nationale Grundstimmung in patriotisches Feldgeschrei umschlagen kann. Anlaß war jener 26. Februar 1983 gewesen, an dem sich König Hassan II. von Marokko mit Algeriens Präsident Chadli Benyedid zu einer Unterredung getroffen hatte, die von beiden Seiten sogleich als „historisch und entscheidend für die Zukunft des Magreb“ eingestuft wurde.

Die spanischen Politiker hatten das algerischmarokkanische Freundschaftstreffen in der Grenzstadt Akid Lotfi zunächst mit gleichmütiger Neugierde verfolgt, bis jene arabische Verbrüderungsgeste zum Alarmsignal wurde. König Hassan II. und sein algerischer Gesprächspartner kamen nämlich nicht nur überein, die siebenjährige Gegnerschaft zwischen beiden Ländern zu beenden. Das konservative Königshaus und die sozialistische Exekutive in Algier vereinbarten vielmehr, auch alle Aktionen zu koordinieren, „um die Entkolonialisierung unserer nordafrikanischen Gebiete zu erreichen, die von Spanien besetzt gehalten werden“. Gemeint waren die beiden spanischen Enklaven Ceuta und Melilla, die sich jenseits der Straße von Gibraltar auf marokkanischem Territorium befinden.