In unserer wieder ordentlich gewordenen öffentlichen Seelen-Buchhaltung, die wahrhaftig das Trauern und Büßen nie gelernt hat, ist längst wieder der Gedanke etabliert, daß die Nachkriegszeit abgeschlossen ist. Biedermänner, die selbst den Kasinoton nie verlernt haben, empfehlen uns, „endlich aus dem Schatten Hitlers herauszutreten“. Fürs Bewältigen der Emigrantengeschichte und das Aufarbeiten der Exilliteratur halten wir uns Hans-Albert Walter und Ernst Loewy.

Ein Volk, das schon wieder gegen Ausländer, Asylanten und Emigranten in seinen Grenzen hetzt – ein Volk, das selber so viele Emigranten produziert und der Hilfsbereitschaft anderer Völker überlassen hat, die später uns auch noch mit Carepaketen ernährten – ein solches Volk zum Nachdenken darüber zu bringen, daß und warum es draußen selbst immer noch Emigranten und Asylanten hat, erscheint fast aussichtslos.

Aber wir bekommen es demonstriert: Das P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland mit Sitz in London, 1933 gegründet, das unter seinen Präsidenten Heinrich Mann und Alfred Kerr hatte und unter seinen Ehrenpräsidenten Thomas Mann, hat nach zwölf Jahren wieder einen Band mit kurzen Autobiographien seiner Mitglieder vorgelegt, unter Mühen zusammengetragen und herausgegegeben von Arno Reinfrank, dem derzeitigen Sekretär des deutschen Auslands-P.E.N., und seiner Frau Karin Reinfrank.

Wenn irgend etwas zur Trauer bewegen könnte und zum Nachdenken darüber, daß Hitlers Schatten eben doch länger ist als das vorsätzlich kurzgeschnittene Gedächtnis des Herrn Dregger, dann dieser Band und die in ihm sich drängenden Schicksale.

An der Spitze derer, die uns von draußen zum Nachdenken bewegen in diesem Buch, steht alphabetisch der zweiundsiebzigjährige H. G. Adler, der von den Nazis fast drei Jahre lang – wie man so sagt: die besten seines Lebens – durch fünf verschiedene Vernichtungslager geschleppt wurde. Wer sich ausruhen möchte bei dem Gedanken, daß in der Tat nach solchen Erfahrungen die Älteren nicht leicht und gerne nach Deutschland zurückkehren mögen, stutzt dann doch, wenn er beim Weiterblättern auf die jüngeren Leute trifft, die Nachkriegsemigranten, die am fröhlichen Wiederaufbau, auch des Wehrwesens, bei uns verzweifelten und heute an unserer luxuriösen Wehleidigkeit.

Der Herausgeber Reinfrank, ein Neunundvierzigjähriger, gehört zu ihnen, und wer wollte sagen, daß er heute hier eine bessere Republik vorfände als die, die er 1955 verließ: „Ich entstamme einer Familie von Gegnern und Opfern des Nazi-Regimes. Von der westdeutschen Polizei wurde ich 1950 verhaftet, weil ich an einem antifaschistischen Jugendlager in Berlin teilnehmen wollte. Darauf folgte eine Anklage wegen Landesverrats – Grund genug für mich, an der Lernfähigkeit dieser Landsleute endgültig zu zweifeln. Nein, ich brauchte nicht zu flüchten. 1955 packte ich meine Heimat, das friedliche Wunschland, in die Koffer und zog nach England. Ich habe als Handlanger und Gärtner gearbeitet, während das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik die angepaßten Kollegen zu aggressiven Mode-Neurotikern hochhätschelte. Ich bin nicht deutschfeindlich, aber ich bin allergisch gegen diese unglücklichen Menschen mit der menschenfeindlichsten Literatur, die vorstellbar ist.“ Sollte dieser Mannheimer heute etwa heimkehren in ein Land von Jammerern, die sich das Haupthaar zerraufen und den Psychiatern die Bude einrennen, nur weil die Zuwachsraten ein paar Prozent niedriger sind und der Wohlstand auf Kosten anderer Völker und der Natur nicht mehr täglich weiterwächst?

Da stößt man beim Weiterblättern auf die vierunddreißigjährige Jugendbuchautorin Aliana Brodmann-Menkes, in Massachusetts lebend, die jetzt, nachdem sie früh ihren Mann verloren hat, sich anstrengt, „für meine beiden Töchter und mich irgendwie neu aufzubauen. Als Kind jüdischer Holocaust-Überlebender versuche ich, die Kraft dazu dem Mut all derer abzugewinnen, die sich trotz allem zu überleben bemühten“. Sollte sie wohl heimkehren in ein Land, in dem man Nazilehrer ruhig weiter die Jugend bearbeiten läßt, anderen aber verbietet, Lehrer zu sein, nur weil sie eine Freundin hatten, deren Cousine einen kannte, der neben einem kommunistischen Lokführer wohnte? Was könnte sie wohl anfangen mit einem Land, in dessen Schulen Friedenstage verboten werden, aber Bundeswehroffiziere werbend ein- und ausgehen, während Wehrdienstverweigerer keine Auftrittschancen erhalten.