Die NSDAP „als solche“ vertrete, hieß es in Hitlers Parteiprogramm (§ 24), „den Standpunkt eines positiven Christentums“. Was das heißen sollte, blieb aber zunächst einmal sperrangelweit offen. Wie die gebetsmühlenartig wiederkehrenden Anrufungen des Allmächtigen in den Führer-Reden handelte es sich um ein erprobtes Stilmittel zur Verdunkelung der wahren kirchenpolitischen und, im weiteren Sinne, ideologischen Ziele.

Daß zu solcher Schafspelz-Maskerade aller Anlaß war, zeigt eine Gesprächsnotiz Hermann Rauschnings vom 6. Mai 1933. Zwar sind seine erst 1939 niedergeschriebenen „Gespräche mit Hitler“ mit Vorsicht zu genießen, doch treffen sie, wenn nicht wörtlich, so doch dem Sinn nach exakt Hitlers Stoßrichtung: Er werde, so Hitler schon im Mai 1933, seinen Frieden mit der Kirche machen, aber „das wird mich nicht abhaltten, mit Stumpf und Stil, mit allen seinen Wurzeln und Fasern das Christentum in Deutschland auszurotten“. An die Stelle des „jüdischen Schwindels“ werde er die Religion des „reinen Blutes unseres Volkes“ setzen.

Das ist unverfälscht Hitler, das kann man gar nicht erfinden. Bedrängte er nicht schon 1933 die Kirchen mit seinem Arierparagraphen, setzte er über die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ nicht bereits zur ideologischen Umarmung an? Da wurde der jüdische Sohn jenes gern beschworenen Allmächtigen arisiert, das Alte Testament verschrottet, „Grüß Gott“ durch „Heil Hitler“ ersetzt.

Blindheit und Harthörigkeit regierten die Stunde. Eindringlich, ja erschütternd belegt das der Lebensbericht eines hessischen Pastors, der schon 1930, als die NSDAP nur über zwölf Reichstagsmandate verfügte, der Partei und später der SA beitrat:

Hans Friedrich Lenz: „Sagen Sie, Herr Pfarrer, wie kommen Sie zur SS?“ Brunnen Verlag, Gießen 1982, 165 S., DM 19,80.

Gerade weil Lenz, Jahrgang 1902, selbst Parteigenosse war, weil er erst durch die massiven Übergriffe des braunen Staates entsetzt aus seinen völkischen Träumen erwachte, ist er ein unschätzbarer Zeuge. Er berichtet eher trocken, unprätentiös, dokumentarisch. Zugute kommen ihm seine minuziösen Aufzeichnungen aus der Zeit und der Umstand, daß er bei zahlreichen Prozessen nach dem Krieg sein Gedächtnis auffrischen konnte.

Gewiß, man spürt stellenweise den hohen Rechtfertigungsdruck, unter dem Lenz seine Erinnerungen gesichtet hat. Doch angesichts des quälenden Bewußtseins, was er alles hat mit ansehen müssen, ohne helfen zu können, kein Wunder: Nach aufreibendem, mutigem Kampf in der Bekennenden Kirche gegen den Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus nach SA- und Parteiausschluß wurde der mißliebige Pfarrer zur Wehrmacht eingezogen. Die Front blieb ihm erspart, ihn erwartete aber dies: Er wurde trotz gegenteiligen Himmler-Befehls 1944 zur SS überstellt und mit seiner Einheit nach Hersbruck verlegt, einem Außenkommando des Konzentrationslagers Flossenbürg.

Was Lenz als SS-Oberscharführer und KZ-Schreiber dort erlebte, bildet das Kernstück des Buches. Es bewahrt in seiner schlichten Darstellung das Grauen jener Tage besser als manch flammende Anklage. Und es demonstriert, daß selbst im Hauptquartier der Unmenschlichkeit Mitmenschlichkeit möglich blieb. Lenz half, wo er konnte, und das gelang weit häufiger, als es der achselzuckende Verweis auf den „Befehlsnotstand“ oft wahr haben will.

Was hätte sein Amtsbruder Werner Koch darum gegeben, wenn er einen solchen SS-Mann begegnet wäre, als er 1936 bis 1938 im KZ Sachsennausen gequält wurde:

Werner Koch: „Sollen wir K. weiter beobachten? Ein Leben im Widerstand“, Radius-Verlag, Stuttgart 1982,326 S., DM 29,80.

Kochs Weg in den Widerstand war wesentlich gradliniger. Sprachbegabt und aus wohlhabendem Hause, erhielt er Gelegenheit zum Theologie-Studium in Frankreich, beim „Erbfeind“, und geriet so in ökumenische Kreise, die ihm den völkischen Irrweg ersparten. Hinzu kam die frühe Bekanntschaft mit Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer, die so viele gegen die braunen Verlockungen immunisiert haben.

Seine internationalen Verbindungen nutzte der junge Koch, Jahrgang 1910, zur regelmäßigen Information des Auslands über den Kirchenkampf. Er erhoffte sich davon mäßigende Rückwirkungen auf das NS-Regime, eine Rechnung, die gewiß zeitweise aufging. Koch aber mußte sie teuer bezahlen: Er wurde ertappt und als „Staatsfeind“ in Schutzhaft genommen. Nur einem glücklichen Zufall hatte er es zu verdanken, daß er nach fast zwei Jahren KZ kurz vor dem seelischen und körperlichen Kollaps frei kam.

Auch Koch geriet später in eine Art Bewacherrolle als dienstverpflichteter Dolmetscher in Gefangenenlagern. Wie Lenz konnte er beweisen, daß sich das Unrechtssystem nicht selten ausmanövrieren ließ. Und wie Lenz erlebte er, daß in dieser Zeit der äußersten Not die Menschen ihn oft auch als Pfarrer suchten, Täter wie Opfer. Er fand so Wege zu verstockten Fanatikern.

Gutgetan hat auch Kochs Buch die stark dokumentarische Aufbereitung. Sie bewahrt seinen Rückblick vor Verzerrungen und spiegelt den Kampf der Bekennenden Kirche höchst lebendig in einem Einzelschicksal. Dieser Kampf, von dem beide Bücher zeugen, rettete die Kirche vor der Unterspülung ihrer Fundamente durch die braune Flut und vor jenem „positiven Christentum“, das geradewegs in den Völkermord geführt hat.

Friedemann Bedürftig