Kellinghusen

Kühn kurvt ein Dorfjunge mit seinem Fahrrad durch die bunten Reihen der Blockierer und fragt munter: „Hallo Leute, schon was passiert?“ Knapp fünfzig Leute hocken konzentriert oder versonnen auf ihren Styropor- und Gummimatten vor der Liliencron-Kaserne, hinter deren Toren Lance-Raketen lagern sollen. Vom Dorf herauf ziehen immer mehr Demonstranten – es sollen 2000 sein –, gewappnet mit Schals, Plakaten und Eßbarem. Einer von ihnen hat seine Gitarre mitgebracht und schlägt das Lied vom Strand an, der unter den Pflastersteinen liegen soll. Aber die Pflastersteine werden in Kellinghusen, nördlich von Hamburg, nicht aus dem Boden gerissen. Ein Mädchen mit Latzhose jongliert mit drei Gummibällen; zwei kleine Jungen wärmen sich am Feuer, das ihre demonstrierenden Eltern am Zaun entzündet haben; einige Anhänger der DKP schwenken eifrig, aber ohne Resonanz, rote Fahnen.

Die drei Bundeswehrsoldaten, die auf der anderen Seite des eisernen Tores Wache schieben, sind ganz gelassen. Ab und zu gesellt sich ein Offizier zu ihnen, um die Lage leutselig zu inspizieren. „Unsere Jungs stehen ja doch unter schwerem psychischen Druck durch die Blockade“, bemerkt ein Major mitfühlend. „Aber das Wetter ist auf unserer Seite.“ Die Kälte läßt Aggressivität erst gar nicht aufkommen. Der „gewaltfreie Bürgerkrieg“ findet in Kellinghusen lediglich auf Plakaten statt, „Das Spiel ist aus“, heißt es auf einem Transparent, auf dem ein Gewehr – eine russische Kalaschnikow? – zerbrochen wird. „Alle reden vom Frieden, wir handeln“, stellt ein anderes Plakat den Ostermarsch ins rechte Licht. Das liest sich wie eine Antwort auf das Gegentransparent der Bundeswehr. Auf einem schweren Munitionstransporter, schwarze Lettern auf weißem Grund, steht akkurat geschrieben: „Alle reden vom Frieden, wir sichern ihn!“ Ein liederlich gemaltes Poster erinnert an die Dinosaurier, die kläglich eingingen, weil sie „Viel Panzer, aber wenig Hirn“ besaßen.

Aufsehen erregt ein junger Kellinghusener Vater, der – seinen kleinen Sohn huckepack – mit einem handgeschriebenen Schild vor die Kaserne zieht: „Wenn die Russen ihre Waffen vernichten, wollen wir auf unsere Raketen verzichten.“ Das Fernsehen ist davon so angetan, daß es Vater und Sohn beiseite nimmt und separat filmt.

„Wie machen die das bloß?“ fragt sich der erfahrene Soldat, „ganz ohne hierarchisches System kann das doch nicht klappen.“ In Kellinghusen hatten die norddeutschen Friedensgruppen einen Meldedienst eingerichtet, der zwischen dem Dorf, wo das „Friedenscamp“ stand, und der Liliencron-Kaserne hin- und herpendelte. Mitten im Ort parkte ein gemieteter Mercedes-Bus; dort konnten die Neuankömmlinge erfahren, wo wann was geplant war. Dort tagten auch die „Sprecherräte“, die nichts dem Zufall überlassen wollten. Der „kleine Sprecherrat“ galt als Krisenstab; sobald es Ärger mit der Polizei gab, sollte er schlichten. Der „große Sprecherrat“ sorgte für Öffentlichkeitsarbeit; dann prüfte ein eigener Sprecherrat das Durchhaltevermögen der Blockierer vor der Kaserne; er durfte auch über einen eventuellen „geordneten Rückzug“ entscheiden. Darüber hätte freilich vorher das Blockadeplenum abstimmen müssen...

Datteln

Am Nordrand des Ruhrgebietes, fünf Kilometer hinter Datteln, liegt das Jammertal. Seinen kläglichen Namen hatte es schon, ehe es zum Atomwaffenlager der amerikanischen umfunktioniert wurde. Seitdem; jammert manzweisprachig. Deutsche und amerikanische Wachsoldaten passen auf Nike-Herkules-Raketen auf, Luftabwehrwaffen, die nur 150 Kilometer weit fliegen.