ARD, Sonntag, 10. April, 21.05 Uhr; Montag, 11. April. 20.15 Uhr: Abenteuer Bundesrepublik“, zehnteilige Fernseh-Serie von Klaus Herbecke (Buch) und Stefan Bartmann (Regie); jeweils Montag, bis zum 6. Juni.

Deutschland aus der Vogelschau: Bilder von Bergen und Seen, Autobahnkreuzen, Ölraffinerien, Wiesen und Bauernhäusern, dazu das Deutschlandlied in der Originalversion des Streichquartetts von Haydn. Der Vorspann von „Abenteuer Bundesrepublik“ zelebriert Übersicht und Weitblick wie früher die Kulturfilme, als sie noch nicht vom Fernsehen überflüssig gemacht worden waren und zu jedem Kinoprogramm gehörten.

„Abenteuer Bundesrepublik“ meint ein doppeltes Wagnis: Die Gründung eines demokratischen Staates auf deutschem Boden drei Jahre nach dem Krieg und das Abenteuer, sich nur 35 Jahre danach auf den Versuch einzulassen, „die Geschichte unseres Staates“ – so der Untertitel – festzuschreiben. Daß es bei der Betrachtung der Bundesrepublik nicht mehr bloß um „Zeitgeschichte“, sondern schon um „Geschichte“ geht,macht „Abenteuer Bundesrepublik“ beunruhigend und beruhigend zugleich. Beunruhigend, weil Verhältnisse, die noch nicht endgültig schienen und deshalb nicht so ernst zu nehmen waren, schon zur Geschichte erstarrt und der Veränderung entzogen sind. Beruhigend, weil die Einordnung als Geschichte wohltuende Distanz schafft: Spiegel-Affäre, Notstandsgesetze, APO – das alles kann abgehakt werden. Rezession, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise alles schon einmal dagewesen und überstanden.

Mit viel löblichem Aufwand soll bei der Präsentation (Regie: Stefan Bartmann) Eintönigkeit vermieden werden. Es werden nicht nur Wochenschauen, Zeitungsartikel, Fotos, Nachrichtensendungen und vieles mehr als Dokumente der Zeit vorgestellt. Da kommentiert auch ein jeweils modisch sich wandelnder Sprecher in einer Art Mauerschau das Geschehen; da werden Computer-Portraits von Adenauer, Kiesinger und Lübke, aber auch von Rudi Dutschke entworfen; ein Graphiker pinselt Sitzverteilungen und Grenzen, und mit schepperndem Getöse fällt der Eiserne Vorhang. Eingeblendete Laufzeilen geben Stichworte, Thesen erscheinen auf Monitoren, und wird aus einem Briefwechsel zitiert, so kratzt ein Bleistift über Papier und klappert eine Schreibmaschine.

Die „Durchschnittsfamilie Michel“ spielt deutsches Nachkriegsschicksal ganz privat: Der Kohleofenhändler von 1948 mausert sich bis in die 80er Jahre zum Fachmann für Sonnenenergiekollektoren. Doch statt nur Loriots bewährte Mitarbeiterin Evelyn Hamann mitspielen zu lassen, hätte man lieber Loriot für die Inszenierung gewinnen sollen; der hätte den Illustrationen deutschen Handels und Wandels schon den rechten Biß gegeben, ähnlich wie ihn einige Kabarettszenen aus dem „Kom(m)ödchen“ haben. An Dokumentationsmaterial für die Geschichte der Bundesrepublik mangelt es wahrlich nicht. Der Autor Klaus Herbecke und seine wissenschaftlichen Berater Friedrich Kahlenberg und Wolfgang Benz hatten es mit nicht zu unterschätzenden Auswahlproblemen zu tun. Meist stellten sie aus der Fülle einen politisch geschmacksneutralen Eintöpf zusammen, was die Serie kaum vor Schelte aus allen politischen Lagern bewahren dürfte.

Aber offenbar soll „Abenteuer Bundesrepublik“ doch mehr bieten als eine Aneinanderreihung von Ereignissen, Namen und Zahlen. Deshalb besteht das größte Projekt des WDR in diesem Jahr nicht nur aus acht Dokumentationssendungen, deren Inhalt in einem beim Lübbe-Verlag erschienenen Buch gleichen Titels nachzulesen ist. Live-Sendungen am Anfang und am Ende der Reihe sollen hinzufügen, was in dieser Geschichtsvorstellung kaum vorkommt: Erinnerungen und Geschichte derer, die diese Geschichte gemacht haben – der Bundesbürger. Ein Reporterteam reist von Norden nach Süden durch Deutschland, die Route wird in der Einführungssendung bekanntgegeben. In der Abschlußsendung soll zusammengetragen werden, was die Zuschauer den Reportern erzählt haben. Diskussionsrunden sind nach der vierten und der achten Folge der Dokumentation vorgesehen, doch ob andere Sender dies vom Autor als notwendige Ergänzung gedachte Angebot annehmen, ist noch ungewiß.

Den Kanzelton ewiger Wahrheit, wie ihn der „neutrale“ Kommentar unsichtbarer Sprecher leicht aufkommen läßt, zugunsten einer lebendigeren Form unterbrechen sollen die bisweilen ins Bild gebrachten Sprecher Carmen Renate Köper und Alf Marholm, die die vorgeschriebenen Texte mit scheinbar eigenen Anmerkungen ergänzen. Dabei ruft die Stimme von Alf Marholm, seit vielen Jahren aus dem Rundfunk vertraut, die betulichen Schulfunksendungen aus der Jugendzeit ins Gedächtnis und schafft schon so etwas wie historische Kontinuität.