Von Irene Mayer-List

Die zwanzig Sekunden Milchwerbung, die von nächster Woche an regelmäßig über die deutschen Bildschirme flimmern sollen, sind teuer: Rund dreißigtausend Mark kostet jeweils die Sendezeit, mit über hunderttausend Mark schlugen die vierzehntägigen Dreharbeiten zu Buche. Doch der Film, in dem die Hamburger Werbeagentur MWI Profisportler joggen, Motorrad fahren und Milch trinken läßt, kommt genau im richtigen Moment: Erstmals seit 1979 droht in diesem Jahr wieder ein gewaltiger Milchüberschuß.

„Wir müssen die volle Kapazität der Märkte ausschöpfen“, plant Helmut Fahrnschon von der Centralen Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) in Bad Godesberg, der in diesem Jahr mit einem Rekordetat von 28 Millionen Mark für Milch, Butter und Käse aus „deutschen Landen“ werben will.

Doch die deutsche Kampagne wird das Überschußproblem nicht lösen. Schon jetzt rechnen Fachleute, daß bis Dezember über zwei Milliarden Halbpfundpakete Butter in den europäischen Kühlhallen unverkauft liegenbleiben werden. Das ist ein Vorrat, der für die Bundesbürger nahezu anderthalb Jahre reichen würde. Bereits Anfang Januar lagerten zudem über 500 000 Tonnen Milchpulver in den Silos.

Der Grund: Die Großabnehmer europäischer Milchprodukte im Nahen Osten und in den Entwicklungsländern haben in diesem Jahr mangels Kasse nicht ihre gewohnten Bestellungen aufgegeben. Und auch die Sowjetunion, an die neuerdings wieder mit EG-Mitteln verbilligte Butter verkauft werden darf, zeigt kein Interesse. Davon unbeeindruckt haben jedoch die europäischen Bauern Kuhbestand und Milchproduktion um weit mehr erhöht, als in Brüssel erwartet wurde. Schließlich nimmt ihnen die Europäische Gemeinschaft jeden Liter, den sie nicht selbst verkaufen können, zu festen Preisen ab. Über den Endverkauf müssen sie sich keine Gedanken machen.

Deshalb warnt auch der Leiter der Bonner Arbeitsgemeinschaft für Verbraucher (AGV) Thomas Schlier: „Das Symbol des Butterberges war zwar lange Zeit verschwunden, das wirtschaftliche Phänomen belastet den Verbraucher und Steuerzahler aber mehr denn je.“ Rund zwanzig Milliarden Mark, so schätzt die AGV, müssen in diesem Jahr je zur Hälfte aus Brüssel und aus nationalen Kassen gezahlt werden, damit die Überschüsse an Milchprodukten gelagert und vermarktet werden können. Allein die deutschen Steuerzahler, so die AGV, müssen mit rund fünf Milliarden Mark für die europäischen Milchbauern bluten – „eine Summe, die der Jahreslohnsteuer von mehr als einer Million Arbeitnehmern entspricht“.

Sollte die internationale Absatzflaute aber noch weiter anhalten – und das fürchten selbst die Experten im Bonner Landwirtschaftsministerium dann könnten die Brüsseler Strategen bald gezwungen sein, das teure Finanzierungssystem für die europäischen Milchbauern ganz umzukrempeln. Schon heute gehen über die Hälfte der EG-Agrarausgaben in diesen Topf, und irgendwann werden die Milchüberschüsse nicht mehr zu bezahlen sein.