Hervorragend

„Kölner Saxophon Mafia – Live“. So etwas glückt wenigen Schallplatten: daß man nicht beiseitehören kann, daß man von der ersten spannungsvollen Einleitung an neugierig darauf ist, was diese sechs Saxophon blasenden Herren spielen, erfinden, entwickeln und mit welcher musikalischen Dramaturgie sie das tun. Natürlich ist die ganze Saxophonfamilie (mit dem Baß) vertreten, aber es kommen auch die Verwandten hinzu, Flöten und Klarinetten (auch deren Baß). Der streckenweise genau und bemerkenswert originell komponierte, Platz für zum Teil weit ausschweifende Improvisationen lassende Jazz hat viel zu erzählen. Es gibt Soli, in denen offenbar zwei sich streiten, lieben, sich von der Gruppe umarmen lassen (wie „F. W. Junior“). Es gibt Stücke, die ernst und kraftvoll schreckliche Erinnerungen beschwören („Die Moor-Soldaten“) oder ironisch „aus unserer Reihe ‚Mönche im Jazz‘“ einen Frater „Alkuin“ vorstellen, und so, daß man ihn für einen interessanten Mann halten muß. Man findet Anklänge an den bellenden Free Jazz, an den alten Big-Band-Saxophonsatz, auch an den Eisler-Song (in der Hommage à Guevara), und eine Elegie („Blue in Green“) läßt einen dahinschmelzen. Trotz allem gelingt es dem Sextett, einen gänzlich eigenen Klang zu entwickeln, der sich allerdings immer aus einer musikalischen Struktur ergibt: aus der Kompositions-Idee. (Jazz Haus Musik, G. Veeck, Merowingerstr. 5, 5000 Köln 1; Nr.JHM 12 ST) Manfred Sack

Unsäglich

Pink Floyd: „The Final Ort“. Mit dieser Nachfolge-Produktion zu „The Wall“ gelang Pink Floyd-Chef Roger Waters das kaum glaubliche Kunststück, seine privaten Obsessionen und die damit verquickten politischen Botschaften noch platter und plakativer zu formulieren/dramatisieren, als das die Verfilmung der Erfolgsplatte tat, Waters’ Erinnerungen an seine unglückliche Jugend, seine Angst vor totaler (Selbst)Entfremdung und seine Visionen von einem möglichen Ende der Menschheit unter dem Aufblitzen möglichen atomarer Sonnen gipfeln in dem Song „The Fletcher Memorial Home“: In der Vorstellung, man sollte die Mächtigen dieser Welt, also die Regierungschefs Israels und der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und Englands, gemeinsam in ein Altersheim (oder Irrenhaus?) stecken, wo sie nur verbunden über Kabelfernsehen und TV-Monitore heftig politisieren dürfen, den Menschen aber nicht mehr schaden können. Noch nie in der Geschichte der Rockmusik wurde ein so ungeheuerliches (und ungeheuerlich wirres) Szenario in so öden und spannungslosen „Songs“ entworfen, und nie zuvor standen Anspruch und Realisation bei einem Konzept-Album in so totalem Mißverhältnis. Zweifelhaften Trost spenden angesichts der quälenden Monotonie dieser Lieder die letzten Verse der Platte. Wenn die Atompilze aufgestiegen und selbst Diamanten zu Asche verglüht sind, werden wir alle „equal in the end“ sein. Ob sich Waters wohl die Folgen seiner prophetischen Endzeit-Botschaften überlegt hat? (Harvest 1C 064-65 042) Franz Schöler