Kritische Überlegungen zu einem bejubelten Ereignis

Von Heinz Josef Herbort

Aha. Das also ist es, was einen französischen Kritiker auf die Idee kommen läßt, sich „zu kneifen, um sicher zu sein, daß man auch wirklich nicht träumt“. Das also ist gemeint, wenn ein anderer schreibt: „Peter Brook erfindet die Oper.“

Nun war ja schon einmal die Erfindung der Oper ein respektables Mißverständnis. Als um das Jahr 1580 – mein Gott, diese Musikwissenschaftler können jede Phantasie kaputtforschen – als um das Jahr 1580 in Florenz im Hause des Conte Giovanni Bardi eine Gruppe von acht Musikern, Poeten und Historikern sich zu einer Camerata zusammenfanden und fast fünfzehn Jahre miteinander arbeiteten, trafen hier zwei ästhetisch zunächst konträre Strömungen aufeinander: wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit als Folge humanistischen Denkens und künstlerischer Avantgardismus.

Als Ziel der gemeinsamen Arbeit dürfen wir heute ansehen eine Renaissance der antiken, was bedeutet: der griechischen Musik, heraus kam aber etwas ganz anderes.

Die verachtete Musik

Die „Cameraten“ hatten alle ihren Platon gelesen, verstanden viel von der Weltenharmonie und den sich daraus ableitenden Tonsystemen, und die Abhandlung „De modis musicis antiquorum“ ihres Mitglieds Girolamo Mei referierte die antiken Theoretiker schon damals ziemlich komplett. Einen Schönheitsfehler allerdings konnten sie selber kaum bemerken: den eigentlichen Gegenstand ihrer Diskussion, die griechische Musik, kannten sie leider nicht, und erst recht nicht deren authentische Aufführungspraxis. Das Verfahren machte Schule.