Eckhard Stratmann: Locker, selbstbewußt und zielstrebig

Von Horst Bieber

Einen Moment zögert er: "Es klingt vielleicht anmaßend – aber es war ganz normal. Eine sehr sachliche Atmosphäre. Ich war überhaupt nicht aufgeregt." Eckhard Stratmann, 34 Jahre alt, Bundestagsabgeordneter der Grünen aus Bochum, verbreitet durchaus Selbstbewußtsein. Es ist ihm zu glauben, daß er in der ersten Sitzung des zehnten Bundestages als erster Redner seiner Partei "gut klargekommen ist". Auch wenn der "Antrag auf Aussprache zur Rede des Alterspräsidenten" abgeschmettert wurde und der Alterspräsident – Willy Brandt – eingreifen mußte: "Ich unterbreche Sie nicht gern. Ich muß trotzdem darauf hinweisen, daß Sie jetzt zur Geschäftsordnung das Wort zu der Frage haben, ob über die Eingangsrede zu verhandeln ist." Der Abgeordnete Stratmann, ganz routiniert: "Ich will mit zwei, drei Sätzen schließen und komme dann zu dem Antrag."

Keine Selbstzweifel

Er hätte am 29. März gern noch mehr zu Brandts Rede gesagt, auch zum Fall des gewählten Grünen Werner Vogel, der wegen seiner NS-Vergangenheit – von den Grünen gedrängt – auf sein Mandat verzichtete; sonst hätte er an Stelle Brandts amtiert. "Ich war sehr betroffen", meint er. Vielleicht war er betroffener als viele andere Grüne, die Politik frühestens 1945 beginnen lassen; Stratmann unterrichtet seit sechs Jahren Politik, Geschichte und evangelische Religion an einem Bochumer Gymnasium – "eine spannungsreiche Fächerkombination" – und kann deswegen diese historische Unbeschwertheit nicht teilen. Er konnte im Bundestag sagen: "Wir Grünen sind froh darüber, daß es angesichts der faschistischen Vergangenheit in diesem Lande möglich war, über dreißig Jahre lang diese parlamentarische Demokratie leben zu können."

Ob seine ohne Manuskript gesprochene Jungfernrede ein Erfolg war, kümmert ihn nicht. Andere werden folgen, die Arbeit beginnt ja erst, und Selbstzweifel sind seine Art ohnehin nicht. Er ist, was man im Ruhrgebiet einen Macher nennt: hochgewachsen, mit einer lauten Stimme und einem dicken Fell gesegnet. Da prallt vieles ab, und da entwickelt sich auch eine charmante Hartnäckigkeit, die Widerstände einfach niederwalzt. Man teilt aus und steckt weg, man lacht gerne und braucht nicht zu provozieren, um seine alternative Haltung zu unterstreichen. Man ist einfach anders. "Ich bin der Abgeordnete Eckhard Stratmann aus Bochum", begann er seine Rede. Warum sollte er sich nicht vorstellen? "Liebe Bürgerinnen und Bürger im Lande! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!" fuhr er fort, und das war kein Lapsus, sondern Überzeugung. Vor dem Bonner Politik-Betrieb, der die Wähler vergißt, graut es ihm; in diesem Punkt wollen die Grünen entschieden anders sein.

Und ebenso, meint er, denken auch viele jüngere Abgeordnete aus den anderen Parteien: "Da waren manche sehr aufgeschlossen", so sehr, daß die leidige Kleiderfrage keine Rolle spielte. Er trug sein Markenzeichen: rote Hose, Pullover, offenes Hemd; daran war er schon auf einigen Parteitagen zu erkennen; lange Haare, glattrasiert – nein, "als Fremdkörper" hat er sich nicht gefühlt, und was er von der Blumen- und Blütenaktion seiner Freunde gehalten hat, sagt er nicht. Überhaupt will er sich nicht beklagen, "im ganzen sind wir gut behandelt worden", und die Bundestags-Verwaltung war "ausgesprochen freundlich und hilfsbereit" – "mehr als sachlich", fügt er hinzu, "entgegenkommender, als man von oben anordnen kann". Klar, die ihnen bislang zugewiesenen Räume im Abgeordnetenbau am Tulpenfeld seien eine "Katastrophe", aber das solle man nicht verbissen sehen, das müsse man locker nehmen.