"Napoleon" von Abel Gance, jenes legendäre Stummfilm-Epos, dem nach seiner glanzvollen Premiere am 7. April 1927 in der Pariser Oper wenig Glück beschieden war. Allzu rasch erschienen die ersten Tonfilme, und das revolutionäre Polyvisions-Verfahren (drei Bilder nebeneinander auf eine breite Leinwand projiziert) erregte die tatkräftige Mißgunst der amerikanischen Konkurrenz, die "Napoleon" bald verschwinden ließ und das technische Verfahren erst drei Jahrzehnte später als "Cinerama" einsetzte. Aus vielen Fragmenten rekonstruierte der britische Filmwissenschaftler Kevin Brownlow eine Vierstunden-Fassung des oft verstümmelten Historien-Gemäldes, dem Francis Coppola, allen Gigantismen zugeneigt, als "Pate" ein zweites Kino-Leben schenkte. Aber weil unsere Kinos inzwischen viel zu klein sind für ein Werk von solchen Dimensionen, läuft "Napoleon" jetzt in Stadthallen und Kongreßsälen: begleitet von Maestro Carmine Coppolas martialischer Monumentalmusik, die das grandiose Pathos auf der Leinwand noch einmal verdoppelt. Das Radio- und Fernseh-Symphonieorchester Warschau spielt auf zu einem Heldenstandbild in Zelluloid, das schon den Knaben Napoleon in der Militärakademie von Brienne als genialen Schlachtenlenker porträtiert und mit dem Einmarsch des jungen Feldherrn der "Großen Armee" 1796 in Italien endet. Weitere Teile seiner Napoleon-Saga konnte Gance aus Geldmangel nicht mehr realisieren. Der Film, mit fast experimentellen Kamera- und Schnitt-Techniken gedreht, ist noch immer ein großes Kino-Erlebnis: inhaltlich zwar sehr naiv und von einer bisweilen fast kindlichem nationalistischen Begeisterung geprägt, aber doch von einer Wucht und Rasanz, die einmalig geblieben ist in der Geschichte des Films. Mit Antonin Artaud als Marat. Die "Napoleon"-Tournee (mit vollem Orchester) kommt noch nach Hamburg, Stuttgart, Mannheim, Saarbrücken, Hannover, Frankfurt, Wien, München, Bremen, Berlin. Hans-Christoph Blumenberg

Annehmbar

"Die schönen Morde des Eric Binford" von Vernon Zimmerman wurde im Herbst vergangenen Jahres in Hof in einer Werkschau der (bislang drei) Spielfilme dieses einstigen Underground-Filmers gezeigt. Im Original heißt der 1980 gedrehte Film "Fade to Black", was einen filmtechnischen Begriff bezeichnet (das langsame Abblenden ins Schwarze am Ende einer Sequenz) und im übertragenen Sinne das Eintauchen in die Schattenwelt des Wahnsinns meinen könnte. Es ist die tragisch-groteske Geschichte eines Zelluloid-Freaks (Dennis Christopher), der allmählich hineingleitet in die Werke, die er als frustrierter Bote eines Filmlagers in Los Angeles transportiert und die er sich zu Hause ständig vorführt. Als cinemanischer Mörder rächt er sich in den Masken legendärer Kino-Figuren – Tommy Udo/Richard Widmark ("Kiss of Death"), Graf Dracula, "The Mummy" oder Hopalong Cassidy/William Boyd – an seinen Peinigern, bis er auf dem Dach des Chinese Theatre in Hollywood einen melodramatischen Abgang findet, nicht ohne zuvor noch die letzten Worte seines Leinwand-Lieblings Cody Jarrett/James Cagney ("White Heat") zu zitieren: "Finally made it, Ma, top of the world!"

Leider verlieren sich die vielversprechenden Ansätze einer bissig-liebevollen Hommage an die Mythen des B-Films alsbald in der peniblen Rekonstruktion bekannter Schlüsselszenen und einem willkürlichen Sammelsurium-Spiel mit Filmausschnitten und Kino-Verweisen. Ratefreudigen Filmfans dürfte "Fade to Black" allerdings ein gewisses Vergnügen bereiten.

Helmut W. Banz

Märchenhaft

"The Verdict" von Sidney Lumet ist, wie dessen Regiedebüt vor einem Vierteljahrhundert ("Die 12 Geschworenen"), ein Gerichtsfilm: nominiert für fünf "Oscars". Angebracht wäre ein "Golden Turkey" für die "Älteste Idee der Welt". Ein demoralisierter David tritt hier an gegen einen zynischen Goliath: ein heruntergekommener, versoffener Rechtsanwalt (Paul Newman) verzichtet bei einer Schadensersatzklage auf den angebotenen Vergleich und wagt wider alle Wahrscheinlichkeit einen Kunstfehler-Prozeß gegen ein kirchliches Krankenhaus und dessen Staranwalt (James Mason). Es ist das aus Frank-Capra-Filmen bekannte "Ein Mann gegen das Establishment"-Modell, wo Lumet seine moralisierenden Thesen über Alkoholismus, ärztliche Fehlleistungen, Katholizismus und die Gerechtigkeit mit jener Subtilität heimwärts dämmert, die man von diesem engagierten und ehrenwerten Regisseur solch schwergewichtiger sozio-kultureller Traktate wie "Der Pfandleiher", "Serpico" oder "Network" gewohnt ist. Im Grunde geht es in diesem "courtroom drama" allerdings weniger um die Mechanismen der Macht als ums Jüngste Gericht. Newman spielt den trunksüchtigen Anwalt als lustvoll leidenden Schmerzensmann, der nun um sein Heil kämpft: eine hehre Ikone des verletzten Idealismus; und Mason wird einmal als "Fürst der verdammten Finsternis" bezeichnet. Da sich dies Erlösungsdrama im irisch-katholischen Boston abspult, sind natürlich Wunder immer wieder möglich. Die Wandlung gelingt, es spricht der James Stewart der achtziger Jahre: ein Patriarch mit Silberlocken und Silberzunge, den man prompt zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen möchte.