Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind – oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat." Mit diesen apostolischen Worten beginnt das Vorwort von dem Buch; es erklärt dann sein Ziel: "Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen;" – um zu schließen: "Ich bin also der Meinung, die Probleme im wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht nun der Wert dieser Arbeit zweitens darin, daß sie zeigt, wie wenig damit getan ist, daß die Probleme gelöst sind."

Schon auf den anderthalb Seiten des Vorworts drücken sich die Hauptzüge Wittgensteins aus: die Totalität seines Anspruchs; das bald Nonchalante, bald Glühend-Eindringliche seiner Ausdrucksweise; und die Neigung, alles Erreichte sogleich wieder zu desavouieren durch eine Unendlichkeit des Wünschens – Zufriedenheit gibt es bei Wittgenstein nicht.

Das Totalitäre an dem frühen Buch. Wittgensteins, er schrieb es in seinen Zwanzigern, wird viele abstoßen, andere desto mehr faszinieren; es war immer so. Ein gutes Stück Jugend steckt darin, Feuer, Hingabe, Unbedingtheit.

Das Vorhaben Wittgensteins ist einerseits typisch österreichisch, und das meint das zugrundeliegende Weltgefühl als barock, katholisch, universal (die auffliegenden Engelsscharen um die Gestalt Gottes); andererseits jüdisch, fast chassidisch, und das meint seinen Hang zum klärenden Gleichnis (die Bibel, Franz Kafka; ja, der!); zum dritten aristokratisch, nach Art der englischen Eliteuniversitäten, und das meint seine Vorliebe für das Understatement und die Selbstverständlichkeit, mit der er Vollkommenheit fordert.

Ich muß aber erst sagen, wovon dies Buch handelt. Es handelt von den philosophischen Problemen. "Die Welt ist alles, was der Fall ist. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, daß es alle Tatsachen sind" – so beginnt es. Die Sache, um die es geht, ist die Welt, sind die Fragen, die sie uns aufgibt.

Man wird nun sagen, daß jede Philosophie von dieser Art Sache handelt, und das stimmt. Es ist allerdings nicht Aufgabe der Philosophie, neue Fragen zu stellen, sondern neue Antworten auf die alten zu finden.

Wittgensteins Antwort? "Wir fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort." Ferner: "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische."