Von Manfred Sack

In der Sitzung des Preisgerichts gegen Ende 1978 war etwas geschehen, das den aufzurichten Glauben an Ersprießlichkeit und Fairneß von Architektur-Wettbewerben wieder aufzurichten half. Schon hatten sich die Herren ihrem Ziel nahe gefühlt, unter den letzten beiden der sieben angeforderten Entwürfe für den Neubau der Landeskreditbank in Karlsruhe den besten zu küren, da hielten sie noch einmal inne. Es kam unter ihnen, wie der Protokollant notierte, eine "sehr intensive Diskussion" auf, nach der sie sich "nach langem Abwägen" entschlossen, eine schon ausgesonderte Arbeit, die mit der Tarnzahl 7569, "in die engere Wahl zurückzuholen". Ein halbes Jahr später wurde ihr Verfasser, nachdem er wie die anderen Favoriten seinen Entwurf noch einmal überarbeitet hatte, der Gewinner des Wettstreits: Heinz Mohl, 1931 im hohenzollernschen Hechingen geboren, Architekt in Karlsruhe, Professor an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. Am 15. April bekommt das inzwischen in Gebrauch genommene Gebäude seinen offiziellen Segen.

Die Aufmerksamkeit, die es mittlerweile bekommt, zieht es vor allem durch eine dem besonderen Ort angemessene, eigenwillige Architektur auf sich: eine strenge, stattliche Schönheit, die ihr Selbstbewußtsein höflich überspielt, so wie es die prominente Umgebung immer noch verlangt. Denn allen ästhetischen Blessuren zum Trotz, die das barocke Bild des Karlsruher Schloßrunds seit dem 18. Jahrhundert über sich hat ergehen lassen müssen, behielt die städtebauliche Figur ihre Kraft. Jede Kunstgeschichte, die es ernst meint, präsentiert sie ihrem Publikum: eine gebaute Idealstadt, ein Spiegelbild des Absolutismus. Man findet derlei Radialstraßensysteme in Rom, natürlich, auch in Rastatt und Leningrad, Paris, Neu-Delhi, Châteaudun oder Hampstead, aber nirgendwo so bestimmend wie in Karlsruhe.

Dem Erbprinzen Karl Wilhelm von Baden-Durlach war diese Idee gekommen, weil er Ärger mit seiner Frau hatte. 1715 legte er im Hardtwald, seinem Jagdrevier, den Grundstein für ein Jagdschloß in Gestalt eines achteckigen Turmes. 32 radiale Schneisen, die den Jagdgenossen das Zurückfinden erleichtern sollten, hatten dort ihr Zentrum. Wenig später aber ließ der Markgraf einen Kreis von 850 Metern um seinen Turm ziehen und ein Schloß bauen, dessen Seitenflügel genau den Viertelsektor markierten, in dem sich fortan eine Residenzstadt entwickeln sollte. An seiner Peripherie bilden, von Sternstraßen in acht Blocks geteilt, zwei Straßen einen Ring mit öffentlichen Gebäuden für den Adel, die Verwaltung und ihre Beamten. Sie sollten allesamt gleich aussehen: zweigeschossig, Mansarddächer, Arkadengänge mit je zwanzig Bögen. Diese Häuser waren alle symmetrisch angelegt, hatten manchmal einen angedeuteten Mittelrisaliten mit bisweilen drei Stockwerken.

Dieses Gleichmaß war, von Anfang an, ein Anlaß stetigen Zuwiderhandelns, sei es, weil Architekten oder Bauherrn sich zu profilieren oder das Beste herauszuschlagen suchten, sei es, weil man die Langweiligkeit der allzu strengen Wiederholung fürchtete. Beim jetzigen Neubau auf dem (im Krieg halb zerstörten) dritten Karree von Osten hatte selbst die Denkmalpflege vor der "übergroßen Uniformität der Gebäude am Schloßplatz" gewarnt.

Beinahe wundert es, daß sich die barocke Idee dieser Stadtfigur bis heute zu erkennen gibt. Und natürlich hatte das Landesdenkmalamt ein scharfes Auge auf das neue Projekt; aber seine Haltung war, nach so viel historischen Beschädigungen, nicht mehr allzu doktrinär. Am Ende durfte sogar ein Restbau, der den Krieg überstanden hatte, verschwinden und dann, anders als gedacht, im Hof des Neubaus und im Keller "verwertet" werden.

Der Architekt hat sich dennoch nicht über die konservatorischen Beschränkungen hinweggesetzt; er hat sich statt dessen die Mühe gemacht, sie in eine, in seine ganz persönliche Architektursprache zu transformieren. Und es ist nicht ganz falsch zu sagen, er habe diese Sprache nicht zuletzt diesen Bindungen zufolge und zuliebe gelernt. Ihm glückte, was untertänigen Anpassern versagt bleibt: eine persönliche, spannungsgeladene, sich bis ins mächtige Tonnendach hinauf gegen allzu beflissene Harmonie sperrende Architektur: Sie hat ihren Stolz.