Das Friedensengagement junger Christen jenseits der Elbe – Kirche in der DDR (Schluß)

Von Dietrich Strothmann

Der Kaiser war hier. Auch in Rostock – schon 1419, bei der Gründung der ersten Universität in Nordeuropa, "Leuchte des Nordens" genannt – stammen viele vom Krieg verschonte Gebäude aus wilhelminischer Zeit: Sie sind wuchtig, unumstößlich, Respekt einflößend. Der "Rat des Bezirkes" – der Regierung eines Bundeslandes – amtiert in einem solchen Kolossalhaus: dicke Mauern, hohe Fenster, breites Portal, wuchtige Säulen. Der Bürger, der als Bittsteller hierher kommt, muß vor Ehrfurcht erschauern. Auch vor Furcht?

Jürgen Haß wirkt wie ein Zehnkampf-Meister. Groß ist er, drahtig, stramme Haltung, feste Gesichtszüge. Er ist seit anderthalb Jahren Vizevorsitzender des Rates (was einem stellvertretenden Länderministerpräsidenten entspricht), zuständig für Fragen der inneren Sicherheit und – nach DDR-Reglement – auch für Kirchenfragen. Noch weiß er nicht viel darüber.

Der Gastgeber läßt Kaffee servieren und Kekse. Dann beginnt er mit seinem Vortrag. Das heißt: Er liest mir acht Seiten eines vorbereiteten, in eine Ledermappe eingelegten Textes vor, den sein stumm neben ihm sitzender Adlatus für dieses "Gespräch" präpariert hat. Von "verfassungsrechtlicher Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche" ist darin die Rede, von "vielen Berührungspunkten, etwa in Fragen des Friedens und des sozialen Wohlergehens", von "Konflikten, die gelöst werden können". Eine halbe Stunde dauert der Vortrag dieser ausgestanzten Leerformeln. Haß, der wie alle seine Sicherheits-Kollegen in den Bezirken und Kreisen seine Karriere beim Stasi begonnen hat, verschanzt sich hinter seinen Papieren.

Dann frage ich ihn: "Wie haben Sie den Streit mit den Aufnähern Schwerter in Pflugscharen gelöst?" Seine ausweichende Antwort: "Zur vertrauensvollen Zusammenarbeit gehört auch die Achtung von Gesetz und Ordnung." Sein Fachberater meldet sich plötzlich zu Wort: "Die wurden von Ihnen eingeschmuggelt. Da gab es doch bei Ihnen in den Zeitungen entsprechende Anzeigen."

Wahr ist: Junge Christen, die den Aufnäher auf ihren Parkas trugen, wurden letztes Jahr auch in Rostock von der Polizei gezwungen, die Embleme zu entfernen; Schüler wurden gemaßregelt, Studenten verwarnt. Auch in Rostock trumpften Polizisten gegenüber den aufgegriffenen Jugendlichen auf: "Wir haben nichts gegen deinen Pazifismus, aber wir haben die Macht!" Wahr ist ferner: Die Aufnäher, kirchenoffizielle Zeichen der "Friedensdekade 1981", stammen aus Herrenhut, und das liegt in der Deutschen Demokratischen Republik.