Vor zwei Jahren sei die Bergpredigt „mit ihrer eigenen elementaren Gewalt über uns gekommen“, glaubt der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann feststellen zu können. „In der apokalyptischen Situation der bedrohlich näherrückenden atomaren Weltvernichtung ist sie für viele junge Menschen zu einer Kraft der Zuversicht und zur Weisung des einzigen Wegs zum Frieden geworden. Sie sehen in ihr nicht das ‚Ende der Politik‘, sondern die Grundlage einer Politik, die dem Leben dient.“

Es ist in der Tat überraschend, wie jener provozierenden Rede Jesu plötzlich eine auffallende Aktualität zugesprochen wird, während man sich bisher selbst im innerkirchlichen Milieu nur mit vorsichtiger Zurückhaltung auf sie einließ. Daß ihr ausgerechnet im Herbst 1981 ein solcher Durchbruch in das öffentliche Bewußtsein gelang, hat sie letztlich dem Nato-Doppelbeschluß zu verdanken. Als sich die Friedensbewegung zu formieren begann, glaubten viele, in diesem biblischen Text eine Legitimation für ihren Protest zu finden.

Die Faszination dieser „Entdeckung“ bezog sich zunächst auf einige wenige Sätze wie „Selig sind die Friedensstifter“ oder „Liebet eure Feinde“. Dann aber ging man mehr und mehr dazu über, sie als politische Handlungsanweisung, als Programm zu verstehen, das die Gesetze der Machtpolitik aus den Angeln heben sollte. So wurde etwa aus der Bergpredigt gefolgert, ein einseitiger Rüstungsabbau des Westens könne vertrauensbildend wirken und vermöge im Osten einen entsprechenden Schritt auszulösen.

Je konkreter die Folgerungen formuliert wurden, die sich auf den „Geist der Bergpredigt“ beriefen, desto leidenschaftlicher entzündete sich die Diskussion um die klassische Frage, ob man denn überhaupt „mit der Bergpredigt Politik machen“ dürfe. Wie schon Bismarck, so hatten auch Bundespräsident Carstens und der damalige Bundeskanzler Schmidt ein solches Ansinnen abgelehnt, und dabei wurde wieder Max Webers Unterscheidung zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik in Erinnerung gerufen: „Mit der Bergpredigt ist es eine ernstere Sache, als die glauben, die diese Gebote heute gerne zitieren. Mit ihr ist nicht zu spaßen ... Sie ist kein Fiaker, den man beliebig halten lassen kann, um nach Befinden ein- und auszusteigen.“ Der Streit um die Bergpredigt wird in einer Fülle von Aufsätzen, Resolutionen und Tagungen ausgetragen. Dazu gehören:

„Paul Mikat: „Die Bergpredigt Eine Herausforderung für alle“; Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien, 1983, 48 S., DM 16,80.

Friedrich Wilhelm Kantzenbach: „Die Bergpredigt – Annäherung und Wirkungsgeschichte“; Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1982,158 S., DM 29,80.

Eduard Schweizer: „Die Bergpredigt“; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982, 116 S., DM 14,80.