Hervorragend

„Fiori Concertati“ – eine Blütenlese also jener für das 17. Jahrhundert neuen Kompositionstechnik, die nicht mehr aus dem Neben- und Übereinander vieler gleichwertiger Stimmen ihre Harmonie erhält, sondern in der eine oder mehrere Stimmen über einem das Harmoniegerüst liefernden Baß Affekte auszudrücken versuchen. Eine Musik also, die (vielleicht) zum ersten Mal nicht mehr allein in der Erfüllung von Formen sich verwirklicht, sondern bewußt zu evozieren sucht, Empfindungen vermitteln, Befindlichkeiten darstellen möchte. Ein kleines Notenbeispiel aber zeigt, wie kompliziert die Suche heute wird, wenn jemand die damaligen Selbstverständlichkeiten der Spielpraxis, die durch die Jahrhunderte total verändert sind, zurückgewinnen will: So gut wie nichts steht ihm direkt zur Verfügung. Um so bewundernswerter die Phantasiefülle und Glaubensfreudigkeit all jener, die aus kleinsten Andeutungen in der Sekundärliteratur herauslesen zu können hoffen, welche Form der Artikulation und Phrasierung um 1620/30 in Venedig gängig war, wie der ansonsten unbekannt gebliebene Darion Castello, wie Andrea Folconieri oder Johannes Hieronymus Kapsberger ihre Toccaten und Sonaten, Battaglien, Folias und Sinfoniae gemeint haben. Die „Musikalische Compagney“ forscht nun schon zehn Jahre spielend an und mit dieser Musik. Es klingt heute fast zu selbstverständlich, wenn man die Brillanz der Spielweise, den frischen und fast aggressiven Ton und die Prägnanz der Artikulation faszinierend findet. Aber im immer größer werdenden Chor der Stilisten haben die Fünf (Zink und Cornetto/Violine/Dulcian/Chitarrone/Orgel) sich unter die Kompetentesten gearbeitet, denen man glaubt, was auch sie glauben. (Telefunken 6.42851)

Heinz Josef Herbort

Juan José Mosalini: „Buenos Noches che Bandoneon“. Das ist auf deutsch „Guten Abend, liebes Bandoneon“. Die (vom Spieler rezitierte) Huldigung des Schriftstellers Julio Cortázar, die so beginnt, geht weiter: „wie schön, daß es Dir gut geht und Du in guten Händen bist“. Hier gehören die guten Hände dem vierzigjährigen, in Paris, lebenden Argentinier Juan José Mosalini, einem sehr sicheren, dabei phantasievollen Meister dieses eigenartigen, vom Krefelder Akkordeonbauer Heinrich Band 1835 erfundenen Instrumentes, das, wie man lernt, verlangt, den Kopf durch vier zu teilen: Denn erstens sind die Töne der linken Hand andere als die der rechten, und zweitens unterscheiden sich die Töne derselben Tasten, wenn man den Blasebalg auseinanderzieht oder zusammendrückt. Dies im Gedächtnis, ist man vorbereitet für diese ehrgeizig komponierte, faszinierende, zugleich ein bißchen fremd bleibende „tangohafte“ Musik – selbst da, wo sie, der Folklore zugetan, dem Jazz Blicke wirft. Das Exotische verliert sich beim Hören allmählich; dann ist man nur noch konzentriert auf das musikalische Ereignis: eh an Nuancen reiches Konzert, dessen Musik nicht allmodisch und nicht modern, aber hörbar von heute ist. (Eigelstein/Teldec 6.25464 AP)

Manfred Sack

Marshall Chapman: „Take It On Home“. Dieser Marshall ist ’ne Dame, die Gitarre spielen kann wie Bonnie Raitt oder die Label-Kollegin Rory Block; die in allen möglichen Pop-Gattungen von der Country Music bis zum Rhythm & Blues wie selbstverständlich zu Hause ist; die soviel Sex in der Stimme hat, daß sie denselben gar nicht demonstrativ hervorkehren muß. Man glaubt ihr auch so, wenn sie singt: „Baby you’re so sweet/Just wanna curl up at your feet“, den Säufer-Blues von „Booze In Your Blood“ spielt oder ihrem „Midnight Chauffeur klarmacht, daß sie jetzt unbedingt einen alten B-Thriller mit Robert Mitchum im Drive-in-Kino sehen muß. Auch als Komponistin hat diese Dame unfehlbar guten Geschmack: Unter den zehn Songs des Debüts findet man nicht einen einzigen „Füller“. (Line Records 6.25453)

Franz Schöler