Von Wilhelm Hankel

Aus Krisen kann man lernen. Das Mißliche ist nur, daß in jeder neuen Krise ihre Analytiker und Manager zunächst den Erfahrungsschatz der jeweils vorangegangenen Krise erproben – und damit scheitern.

In der Krise der dreißiger Jahre lernten die Ökonomen, daß die vorrangige Verteidigung von Wechselkursen an Stelle der Vollbeschäftigung auf Dauer nur eines bewirkt – die schmerzliche deflatorische Anpassung von Produktion, Einkommen und Beschäftigung.

Folgerichtig plädiert daher in der Krise der achtziger Jahre (fast) niemand mehr für feste Wechselkurse. Aber die Einheit der Ökonomenzunft in der Wechselkursfrage kann dennoch nicht verschleiern, daß sich ihre Mehrheitsfraktion gleich dreifach gespalten hat: Links-Ökonomen verfechten unbeirrt den Primat der Vollbeschäftigungs- und Sozialstaatsziele und nehmen (noch) nicht zur Kenntnis, daß dieses auf Dauer nur eines bewirkt – die stetige Zerrüttung der Staatsfinanzen, nur zeitweilig gemilderte Inflation und sich verschärfende Depression.

Rechts-Ökonomen indes meinen, wenn man die Wirtschaft nur lange genug von viel zu hohen und gewinnschmälernden Löhnen, Steuern und Sozialabgaben entlaste, werden sie von sich aus wieder anspringen und investitions- und beschäftigungsfreundlicher werden.

Dergleichen mag zwar ein probates Rezept für AEG und andere lädierte Firmen sein. Nur lassen sich weder die Bundesrepublik, noch England oder die USA wie eine Einzelfirma regieren und kurieren. Senkt man für alle Produktionseinheiten gleichzeitig und linear Kosten und Ausgaben, sind gleich große Einnahme- und Einkommensausfälle an anderer Stelle der Volkswirtschaft die einzige Folge.

Zwar kann keine Wirtschaft mehr an Arbeits- und Sozialeinkommen verteilen als sie real produziert. Nur stellt sich eben heute – wie vor fünfzig Jahren – die Frage, ob nicht eine wieder voll beschäftigte Wirtschaft mehr produzieren und mehr verteilen könnte.