Kiep geht – und niemals kehrt er wieder, jedenfalls nicht nach Hamburg. Der Spitzenkandidat der Hamburger CDU und Verlierer der Bürgerschaftswahl vom 19. Dezember 1982 hat der Hansestadt mit einer Vehemenz den Rücken gekehrt, als sei er Dr. Kimble auf der Flucht. Er war nicht mehr zurückzuhalten – nicht von der Aussicht, vier Jahre als Oppositionsführer abzusitzen und dann einen neuen Anlauf zu versuchen, und schon gar nicht von der Hamburger CDU, die in langen Jahren der Machtlosigkeit gelernt hat, sich mit den herrschenden SPD-Verhältnissen zu arrangieren.

Bei der ersten Hamburger Wahl im Juni vergangenen Jahres war es Walther Leisler Kiep zwar gelungen, sie für kurze Zeit ihrem Kümmerdasein zu entreißen und so stark zu machen (43,2 Prozent), daß sie die SPD zum ersten Mal in der Hamburger Nachkriegsgeschichte und zu ihrem eigenen Erstaunen auf den zweiten Platz verwies. Doch der Vorsprung reichte nicht hin. Im zweiten Wahlgang ein halbes Jahr später konnte die SPD – mit Hilfe von Helmut Schmidt in der Gloriole des verratenen Kanzlers – die alte Ordnung wiederherstellen und sich in gewohnter Weise etablieren.

Kiep war überflüssig geworden. Er war aber auch überdrüssig. Die verlorene Wahl hat ihn tiefer getroffen, als er zugeben mochte. Verletzen mußte ihn auch, daß sein Einsatz für die Partei von den Bonner Parteifreunden in keiner Weise gewürdigt wurde. Zweimal schon schickte ihn Helmut Kohl als liberales Aushängeschild an die Front: 1976 nach Niedersachsen, mit der Aufgabe, die neue CDU-Landesregierung stabilisieren zu helfen, 1982 dann nach Hamburg.

Den Weg zurück nach Bonn geht Kiep ohne Bundestagsmandat und ohne Aussicht auf ein seinen Talenten entsprechendes Amt. Zwar hat er die Schatzmeisterposition, doch sie füllt ihn nicht aus. Schade: Wirtschaftlich und geistig unabhängige Leute wie Walther Leisler Kiep sind so selten in unserer vom öffentlichen Dienst auf – Linie gebrachten politischen Klasse, daß wir auf sie nicht schnöde verzichten können. Wenn jetzt nicht einmal mehr die CDU ihre Paradiesvögel pflegt – wer dann? N. G.