Manchmal ist die Schule ein Schlachtfeld. In Peter Steins „Klassen-Feind“ wehren sich Fetzer, Vollmond, Pickel, Kebab und die anderen mit manischer Wut gegen ihre Angst vor einer trostlosen Zukunft.

Manchmal ist die Schule ein Rummelplatz für die Lümmel von der letzten Bank. In Wolfgang Bülds unsäglicher Teenie-Klamotte „Gib Gas – Ich will Spaß“ erscheint das Klassenzimmer als beliebiges Ambiente für die adretten Albereien von Nena und Marcus.

Meistens kommt die Schule in unserem Kino überhaupt nicht vor: weder als Ort der Revolte (wie einst in Jean Vigos „Zero de Conduite“, später in Lindsay Andersons „If“) noch als Ort der frühen Arbeit: des Lernens. Peter Zadeks „Ich bin ein Elefant, Madame“, vor sechzehn Jahren in Bremen gedreht, bleibt immer noch eine rühmliche Ausnahme.

„Klassengeflüster“: Das klingt harmlos, fast idyllisch, aber selten hat ein Titel so getrogen. Die gemeinsame Arbeit der beiden schweizerischen Filmemacher Nino Jacusso und Franz Rickenbach mit Schüern aus Solothurn verklärt die Schule weder zum gemütlichen Reservat für Pennäler-Streiche (im Stil der seligen „Feuerzangenbowle“) noch zur Brutstätte für Anarcho-Phantasien. Es geschieht wenig. Ein letzter Sommer vor dem Ende der Schulzeit. Eine neue Schülerin. Zaghafte Liebeleien. Die gewöhnlichen Ängste. Momente von Widerstand. Am Ende die „Zukunft“ am Fließband der Schokoladenfabrik.

Aber heiter und harmlos ist das alles wahrlich nicht. Einmal sitzen Marion und Isabelle auf der Fensterbank in einem leeren Klassenzimmer, beobachten die Jungen, die unten auf dem Schulhof Sportunterricht haben, und sinnieren über den schleichenden Stumpfsinn: „Wenn es regnet, wird drinnen geturnt. Wenn die Sonne scheint, wird draußen geturnt. Dann heiratet man und kriegt ein Kind. Und das sitzt später wieder hier und sagt: Wenn es regnet, wird drinnen geturnt ...“

Die Schülerinnen und Schüler aus Solothurn haben ihre Dialoge selber entwickelt, und sie beweisen einen sehr genauen Sinn für die oft bedrückende, manchmal auch unverhofft komische Banalität des Erziehungs-Betriebs. „Klassengeflüster“ wirkt wie ein Dokumentarfilm: aus der Innenwelt einer Kaserne.

Die Lehrer (sie allein werden von Schauspielern dargestellt) geben sich Mühe, mehr oder weniger, aber überall waltet eine lähmende Routine. Vor der Revolution: Man meint zu spüren, daß sich ein Widerstand entwickeln müßte gegen die bloße Verwaltung von Phantasien und Hoffnungen, aber als tatsächlich etwas geschieht, ist es sehr rasch auch schon wieder vorbei. Das Notizbuch eines Lehrers verschwindet, empfindliche Strafen werden angedroht, die Klasse solidarisiert sich mit der Diebin, aber es ändert sich nichts. Am Ende stehen Lisa und Isabelle, ihre langen Haare unter häßlichen Tüchern verborgen, am Fließband. Marion, die Missetäterin, besichtigt mit ihrer neuen Klasse die Fabrik. Die Mädchen reden nicht miteinander. Wie leicht hätte aus einem solchen Stoff der übliche Sozialkitsch entstehen können, der immer noch in vielen Fernsehspielen umgeht. Aber Jacusso (der den Gastarbeiterfilm „Ritorno a casa“ gedreht hat) und Rickenbach ist mit bescheidensten Mitteln ein kleines Wunder gelungen. Denn „Klassengeflüster“ ist nicht nur ein Film über die Monotonie, sondern auch und besonders eine Arbeit über das Licht des Sommers und die langen Schatten in engen, erstickenden Räumen.