Für Hochhäuser aus der Retorte ist in Lindau kein Platz

Von Gerhard Seehase

Die Berge waren plötzlich, wie mit einem Zeichenstift scharf umrissen, viel näher gerückt, als die "Stuttgart" nach kurzem Aufenthalt in Friedrichshafen wieder auf den Bodensee hinaussteuerte. "Das gibt ’n Wetter", hatte der Decksmann gesagt, während er die Billetts ("ja, hier Richtung Lindau") der neuen Fahrgäste kontrollierte.

Die Fahrensleute der weißen Bodensee-Flotte lesen das von den Bergen ab: Es gibt Sturm, wenn die Konturen schärfer werden und die Alpen scheinbar näher ans Ufer rücken.

Als wir an diesem Morgen in Konstanz ablegten, war das Wasser noch spiegelglatt gewesen. Aber jetzt, kurz hinter Friedrichshafen, hatte sich die Szene geändert. Unser schönes Schiff, Baujahr 1960 und zugelassen für 1000 Fahrgäste, schlingerte nun wie ein zu klein geratener Kutter.

Kulissenwechsel im Zeitraffer. Der Bodensee hatte fast im Handumdrehen neue Farben angelegt. Statt des sanften Blau plötzlich eine düstere Mischung aus Schwarz und Weiß. Das Wasser, gefährlich dunkel, war überzogen mit der Gischt kurzer, harter Wellen. Und gegenüber am Schweizer Ufer, da wo Romanshorn liegt, leuchtete in kurzen Abständen gelbes Blinkfeuer auf. Warnung für die Fischer, die Segler, die Surfer: sofort zurück ans Ufer. Der Bodensee kann tückisch sein.

"MS Stuttgart" hat ihren Fahrplan einzuhalten, via Lindau. Und unser Decksmann fühlt sich offensichtlich wohl in seinem Element, als er auf besorgte Touristen-Fragen antwortet: "Keine Angst, dieses Schiff ist noch nie untergegangen." Natürlich, er behält auch diesmal recht.