Otto Wolff von Amerongen, Advokat der freien Marktwirtschaft

Von Ben Witter

Unter einem bedeutenden Teil der hochversicherten Gemälde aus den zwanziger Jahren stehen zwei mit ihrem unvergeßlichen Alter kokettierende Stühle wie zur Handtaschenablage bereit. Die verläßlichen Lehnstühle im Hintergrund bilden eine Insel und verraten wuchtig teuer bezahlte Geschichte. Nur Antiquitätenhändler interessiert die Anzahl. Und was sonst noch gediegen und erhaben wirkt, füllt ganz selbstverständlich Ecken und Zwischenräume.

Bevor wir in den Gartenpark gingen, hatte Otto Wolff seinen Anzug gewechselt; das Grau war keinen Ton zu tief für den naßkalten Nachmittag in Köln-Bayenthal. Beim Magnolienbaum fragte ich, wie viele Zimmer das Haus denn habe. "Ja, wie viele wohl?" fragte er sich – "das Haus ist von dem Berliner Architekten Bongarts in den zwanziger Jahren erbaut worden." Das sollte genügen. Ich fragte, ob er denn das Bronze-Reh von Renee Sintenis manchmal auch richtig beäuge. Seine Blicke wischten darüber weg: "Ich habe nie den Versuch gemacht, die Rolle eines Sammlers zu spielen. Die Stücke kamen mehr oder weniger zufällig zusammen."

Dann fiel ihm ein, daß wir auf einem siebeneinhalbtausend Quadratmeter großen Grundstück hin- und hergingen, und er hakte noch andere Zahlen ab: "Die Otto Wolff AG, Stahlhandel und Industrielle Beteiligungen, hat im vergangenen Jahr 3,6 Milliarden Mark umgesetzt. Unsere Belegschaft liegt so zwischen 12 000 bis 13 000, und ich bin der Vorstandsvorsitzende der Wolff-Gruppe. Die Höchstzahl von zehn Aufsichtsratsmandaten habe ich in der Bundesrepublik nicht erreicht, dafür jedoch ähnliche Mandate im Ausland..." In seiner Stimme meldete sich Nachdruck: "Als einziger Ausländer wurde ich in den Board des US-amerikanischen Exxon-Konzerns berufen. Und ich gehöre dem Beraterkreis der Deutschen Bank an, führe den Vorsitz im Ostausschuß der deutschen Wirtschaft und fungiere seit 1969 ununterbrochen als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages." Weitere Aufzählungen schenkte er sich.

"In diesem Schwimmbassin kann man eigentlich nur planschen", sagte ich. Es schien aus den zwanziger Jahren zu sein. "Planschen?" Neugierig schritt Otto Wolff um das Becken herum: "Wissen Sie, meine Mutter, ja, sie war die erste Angestellte meines Vaters. 1904 fing sie bei ihm an. Und Ende 1917 ging sie mit mir schwanger und heiratete der Schicklichkeit halber einen gewissen Freiherrn Taets von Amerongen, von dem sie sich allerdings nach zwei Jahren völlig einvernehmlich wieder scheiden ließ. Otto Wolff, mein natürlicher Vater, adoptierte mich." Schritt für Schritt blieb Otto Wolff von Amerongen bei seiner Familie:

"Ich bekam noch zwei Adoptivbrüder. Der eine war Hans Wolff, Sohn eines tschechischen Schneiders, nur 1,63 groß; er drehte Heimatfilme nach österreichischem Muster. Der andere war Otto Wolff-Niederbieber; während der Erbschaftsauseinandersetzung im Dritten Reich stellte sich überraschend heraus, daß er Halbjude war. Beide sind tot." Otto Wolff von Amerongen zog einen Kamm aus der Tasche; der Wind hatte die Haare hochgeschoben: "In Köln und Bad Reichenhall bin ich zur Schule gegangen. Im Rechnen war ich gut, in Algebra und Geometrie schlecht, doch im deutschen Aufsatz und in Fremdsprachen sehr gut."