Von Sarah Kirsch

Ich hatte Anfang der sechziger Jahre zu schreiben begonnen, kannte aber noch nicht sehr viele Gedichte. Erich Arendts erste Bände waren mir zu der Zeit ein wunderbares exotisches Futter neben der trockenen Spreu von Zimmering, Kuba, Preißler und Berger zum Beispiel, von denen es hieß, daß sie ein neues Kapitel der deutschen Nationalliteratur zu schreiben begonnen hätten.

Einer kam aus Kolumbien nach Deutschland zurück, und ausgerechnet in die DDR. Das erste Buch von ihm, das ich las, hatte einen dunkelgrünen Umschlag und hieß „Trug doch die Nacht den Albatros“. Der sprach von Zikaden, ich kannte nur Grashüpfer. Seine Worte hatten Widerhaken. Palmblätter, tierhafte Farne, Kanus, blutende Rochen prägten sich ein, der Mond war, wenn nicht grün, doch das harte Messer Verrat.

Aschenland, Knochengeäst, aus diesen Worten bauten sich Traumlandschaften auf, ich sah die löwengesichtige Sonne, die muscheleinsamen Wolken, zusammengefallene Hütten, die würgende Hand, die weiß war. Die pyramidenspitze Ewigkeit faßte alles zusammen.

Ein anderes wichtiges Buch zu der Zeit war Arendts Übersetzung von Rafael Alberti „Stimme aus Nesselerde und Gitarre“. Moderne Weltliteratur erreichte uns spät in der DDR, um so größer Arendts Verdienst, daß er gleich nach seiner Ankunft in der DDR aus dem Spanischen zu übersetzen begann. Als wir jungen Dichter vom begabten Jahrgang 35 ein bißchen flügge geworden waren, taten wir ihm das nach; jetzt waren es meist die russischen und sowjetischen Dichter, die wir nachdichteten. Alberti und Anna Achmatowa, das war ein seltsames Paar am Anfang meines neuen Berufs.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich Erich Arendt persönlich kennenlernte. Es wird um 1954 gewesen sein, als er mit Czechowski zu mir in die Rathausstraße in Halle kam. Wir tranken Kaffee und gingen den Maler Ebert besuchen. Umsonst, wie es im Gedicht steht, das ich hinterher schrieb. Von diesem Nachmittag rührt noch ein zweites her, das „Mittelmeer“ heißt. Damals bezog ich mein Material zu solchen Gegenständen gänzlich aus zweiter Hand. Für mich gab es überhaupt keine Möglichkeit, die zeusalten Steine zu sehen, eine orphische Bucht. Aber dieser Mensch mit den weißen Fledermausflügeln, den wehenden Haaren, mit der schönen Schleife, mein Kollege, kannte das alles, und er hatte auch noch gegen Franco gekämpft, während unsere realen Eltern sonstwas taten.

Später, als ich in Berlin wohnte, sahen wir uns öfter. Wir kamen zu ihm in die Raumerstraße und lasen uns unsere Arbeiten vor, Adolf Endler, Elke Erb, Grüning kam mit dem Motorrad aus Ilmenau, hatte wieder zwei Ordner mit neuen Gedichten und mußte von Mund zu Mund beatmet werden nach der eisigen Fahrt. Jürgen Rennert war da, Randow, der mit den Eintagsfliegen sprach, weil gerade sie eine Seele hätten, Goltzsche und Carlfriedrich Claus, die Maler, Fries und Bereska vielleicht. Die Fenster standen offen, die Hunde schissen nicht in den Rinnstein, was Arendt ihnen ankreidete, mediterranische Kiefernzapfen, Lorbeerzweige vom Olymp lagen neben dem griechischen Kalkstein, Grafiken sahen uns an. Kein Stuhl glich dem anderen, wir aßen und tranken und sprachen über Gott und die Welt und Gedichte.

Arendt ist einer der selbstverständlichsten Menschen, die ich kenne, einer der sehr wenigen, mit denen man gleichzeitig essen und völlig normal über Kunst reden kann.