Düsseldorf

Hier ruhen geborgen die Überreste der wackeren, zarten, anmutigen Frau Sorel (Sara), Tochter des Herrn David Bock (aus dem Geschlechte der Aroniden) aus Siegburg, Gattin des Arztes Dr. Gottschalk de Geldern. Heimgegangen nach Ausgang des heiligen Sabbat, wurde sie mit hohen Ehren begraben am Sonntag 15 Thebet des Jahres 5539 seit Erschaffung der Welt (d. i. 3. Januär 1779). Es sei ihre Seele eingeschlossen in den Bund des Lebens.“ So lautet die Übersetzung der hebräischen Inschrift eines Grabsteins auf dem Grab der Großmutter Heinrich Heines. Seine Abbildung ist die Kunstbeilage eines 1886 in den „Beiträgen zur Geschichte des Niederrheins“ von Rabbiner Abraham Wedell veröffentlichten Aufsatzes: „Heinrich Heines Stammbaum mütterlicherseits“. Was ist mit diesem Stein geschehen? Wurde er von NS-Barbaren oder Fliegerbomben zerstört?

Im zweiten Band der Schriftenreihe des Stadtmuseums Düsseldorf, herausgegeben im Auftrag der Landeshauptstadt Düsseldorf vom Direktor des Museums, Wieland Koenig, gibt die Kunsthistorikerin Inge Zacher eine frühere Umstände belastende Auskunft. „Bei Bauarbeiten wurden 1884 mehrere Grabsteine in ca. zehn Meter Tiefe gefunden, die offenbar bei der Schließung des Friedhofs vergraben worden waren. Nach den orthodoxen jüdischen Religionsgesetzen ist das Grab unantastbar, so daß eine Transferierung von Gräbern und Grabmälern, wie sie auf den christlichen Friedhöfen durchgeführt wurden, von den Juden abgelehnt wurde. Unter den Grabsteinen befand sich auch der von Sarah de Geldern, der Großmutter Heinrich Heines“, heißt es in ihrem reich bebilderten Buch über Düsseldorfer Friedhöfe und Grabmäler.

Der Heine-Forscher Herman Lohausen, der sich schon um die Bestandsaufnahme jüdischer Begräbnisstätten verdient gemacht und die einschlägige Literatur am aufmerksamsten gelesen hat, ist am Karfreitag mit mir auf den angeblich vergrabenen Leichenstein gestoßen. Was den Hunderten von Düsseldorfern, die sich seit Jahrzehnten mit Heine beschäftigen, entgangen und der jüdischen Gemeinde ebenfalls nicht mehr bekannt ist, befindet sich, jedem Vorbeikommenden sichtbar, gleich neben dem Eingang der Leichenhalle im jüdischen Teil des Nordfriedhofs. Fast unversehrt ist es in die äußere Seitenwand eingemauert. Ob man in Kürze auf einer Tafel die der neueren Sprachforschung gemäße Übertragung des hebräischen Textes hinzufügen wird?

Helmut Hirsch