Ihr Leben und ihre Gesundheit verdanken mindestens achtzehn Kleinkinder einer schlichten Substanz aus Sojabohnen. Sie ermöglicht es, Spender-Knochenmark zu „reinigen“ und für den Empfänger verträglich zu machen. Wie die Zeitschrift Blood kürzlich berichtete, kann nun neuerdings auch genetisch nicht-identisches Knochenmark von einem Menschen auf den anderen übertragen werden.

Der Stoff aus Sojabohnen, ein Lectin, bewirkt, daß sich bestimmte Abwehrzellen, sogenannte T-Lymphozyten, im Spender-Knochenmark zusammenklumpen. Dadurch lassen sich die aggressiven T-Lymphozyten leicht aus dem gespendeten Gewebe entfernen, so daß es nicht mehr zu den gefürchteten feindlichen Reaktionen zwischen transplantiertem Knochenmark und Empfänger-Organismus kommt. Knochenmark-Übertragungen und vor allem die Suche nach einem geeigneten Spender werden somit künftig viel einfacher sein.

Neugeborene, die mit defektem Immunsystem zur Welt kommen, hatten bis vor kurzem geringe Überlebenschancen. Solche Kinder werden gleich nach der Geburt von allen möglichen Infektionen heimgesucht, die bei gesunden Babys harmlos verlaufen, bei fehlender Immunabwehr jedoch oft tödlich sind. Helfen kann den kleinen Patienten nur eine Übertragung von gesundem Knochenmark. In ihm werden unter anderem die weißen Blutkörperchen produziert, die „Polizisten“ des Immunsystems.

Zwar bedarf eine Knochenmark-Übertragung keines großen Aufwandes, verglichen ewa mit einer Herz-, Nieren- oder Lebertransplantation. Mit einer Spritze werden dem Spender etwa 25 Kubikzentimeter Mark beispielsweise aus dem Beckenknochen abgesogen und in eine Vene des Empfängers eingespritzt. Allerdings kamen bisher als Spender nur genetisch möglichst identische Personen in Frage, in der Regel also eineiige Zwillingsgeschwister, in seltenen Fällen auch nahe Blutsverwandte. Jedenfalls ist der mögliche Spenderkreis für einen bestimmten Patienten so klein, daß die Ärzte in beinahe zwei Dritteln aller Fälle keinen passenden Spender finden können.

Der Grund für diese Unpäßlichkeit ist die sogenannte Graft versus Host-Reaktion (etwa „transplantiertes Organ gegen Empfängerkörper“). Stammt nämlich das Knochenmark von einem genetisch „unpassenden“ Spender, so treten die T-Lymphozyten des Transplantats unverzüglich in Aktion. Für sie ist die neue Umgebung „fremd“, weshalb sie die „feindlichen“ Zellen des Gast-Organismus zu vernichten versuchen. In vielen Fällen stirbt dann der Transplantat-Empfänger an Leberversagen.

Professor Nathan Sharon und sein Mitarbeiter Yair Reisner vom Weizmanri-Institut im israelischen Rehovot entwickelten eine Technik, mit der sie die aggressiven T-Lymphozyten aus dem Spender-Knochenmark entfernen, ohne die Stammzellen zu schädigen (aus ihnen entwickeln sich später die roten und weißen Blutkörperchen). Dabei wird der zu reinigenden Knochenmark-Flüssigkeit Lectin aus Sojabohnen beigemischt. Die T-Lymphozyten klumpen mit dem Lectin zusammen („agglutinieren“) und sammeln sich am Boden des Reagenzglases an. In einem zweiten Arbeitsgang wird die Mark-Flüssigkeit mit roten Blutkörperchen von Schafen durchmischt, um so die letzten verbleibenden T-Lymphozyten anzulocken und damit abzufangen.

Das derart präparierte Knochenmark kann nun ohne Risiko einer Graft versus Host-Reaktion übertragen werden. Denn die aus den Stammzellen des Transplantats später neu entstehenden T-Lymphozyten verhalten sich nun ähnlich wie Kinder, die im frühen Alter adoptiert wurden und später keine Erinnerung mehr an ihre leiblichen Eltern haben: Sie akzeptieren den „Gast-Organismus“ und funktionieren, als ob sie körpereigene Blutzellen wären – zumindest in achtzehn bislang behandelten, todkranken Kindern.