Von Volker Mauersberger

Albufeira, im April

Von der Hotelhalle des „Montechoro“ hat man einen weiten Blick bis zur weißgischtigen Küste hinüber. An diesem Sonntagmorgen waren die Gärtner damit beschäftigt, auf den Liegewiesen rund um die Swimming-pools die Bänke für die Hotelgäste aufzustellen. Der Kongreß der Sozialistischen Internationale sollte in wenigen Stunden zu Ende gehen; hinter dem improvisierten Informationsstand in der Hotelhalle, direkt gegenüber von Kasse und Empfang, plauderten die Hostessen über ihre Heimreisepläne. In der schattigen, weitläufigen Lobby waren noch keine Gäste zu sehen. Zweimal, ein wenig nervös und suchend um sich blickend, war eine hochgewachsene, blonde Frau durch die Hotelhalle gelaufen: Nicole Guardiola, Korrespondentin der spanischen Zeitung El País, wartete auf Issam Sartawi, den sie interviewen wollte.

Der grauhaarige, stets distinguiert gekleidete PLO-Vertreter hatte sich auf dem Weg vom Hotel „Balaia“ zum Kongreßhotel „Montecnoro“ genau vier Minuten verspätet. Als er sich nun an der Rezeption nach seiner Gesprächspartnerin erkundigen will, tritt ein Mann in einer braunen Jacke neben ihn, hebt die unter der Achsel verborgene Maschinenpistole und drückt fünfmal hintereinander ab. Die Schüsse hallen ungewöhnlich laut in den langen, menschenleeren Gängen. Kaltblütig hat der Schütze, den Hotelangestellte später als mittelgroß und dunkelhaarig beschreiben, Issam Sartawi ermordet. Dessen Begleiter, Anwar Abu Eisheh ist von einem Streifschuß ins Bein getroffen worden und fällt blutüberströmt auf den Boden. Laut weinend stürzt er sich über den Toten.

Draußen, hinter den geparkten Autos an der Hotelauffahrt, fallen erneut Schüsse. Wenige Minuten später steht fest, daß der Mörder der völlig überrumpelten Hotelwache entkommen ist. Vollkommen ruhig ist er nach dem Attentat quer durch die Halle an den Türposten vorbeigegangen, die ihre Pistolen erst zückten, als der Todesschütze zu laufen begann.

Im weitläufigen Kongreßsaal, wo die Sitzung der Sozialistischen Internationale vor einer halben Stunde begonnen hat, sind die Schüsse nicht zu hören gewesen. Willy Brandt blättert am Präsidiumstisch in seinen Papieren, schräg hinter ihm sitzt an diesem Morgen der Führer der israelischen Arbeiterpartei, Morgen Peres, der die Anwesenheit des PLÖ-Vertreters in Albufeira noch vor zwei Tagen als Provokation hingestellt hat. Die PLO, so der entrüstete Israeli, könne für die Sozialistische Internationale kein Gesprächspartner sein, weil sie nach wie vor die Zerstörung Israels verfolge. Doch ist der Konflikt um Sartawi, zur inneren Genugtuung der Deutschen Brandt und Wischnewski, inzwischen halbwegs harmonisch ausgestanden. Am Tag zuvor hat der Palästinenser einen Brief verteilen dürfen, der mit einer Eloge auf die Sozialistische Internationale beginnt: „Es ist eine historische Gelegenheit von einmaliger Bedeutung, daß die PLO zu Ihrem Kongreß als Beobachter eingeladen worden ist.“

Willy Brandt blickt ungeduldig auf, als sich an der Eingangstür Stimmengewirr erhebt. Ein deutscher Journalist stürzt schreckensbleich in den Saal und teilt den Organisatoren des Kongresses die Nachricht mit. Als die ganze Versammlung Minuten später vom Tode Sartawis erfährt, steht das Entsetzen in allen Gesichtern. Schimon Peres blickt starr geradeaus; Brandt, der mehrere Male ruhelos durch die Stuhlreihen gelaufen ist, fängt sich als erster. Mit steinernem Gesicht gibt er den Tod des Palästinensers, den er persönlich gut kannte, offiziell bekannt.