Sehenswert

„Diva“ von Jean-Jacques Beineix: Das Porträt des Fans als junger Briefträger oder Die Odyssee eines Candide im Hitchcock-Welles-Land. Ein 18jähriger Moped-Postillon (Frédéric Andrei) wird zum Dieb aus Liebe. Er stiehlt bei einem Konzert mit hochempfindlichem Aufnahmegerät die Stimme seines Idols, einer schwarzen, schönen Operndiva (Wilhelmenia Wiggins Fernandez), die Schallplattenaufnahmen kategorisch ablehnt; bekommt unwissentlich eine andere Tonband-Kassette zugesteckt, die einen Gangster-Boß belastet, und wird von Polizei, Punk-Killern und taiwanesischen Platten-Piraten gejagt. Und beschützt vom Puzzle-Fan und Zen-Freak Gorodish (Richard Bohringer), einem zeitgenössischen „Fantomas“ mit klassischem weißen Citroën. „Diva“ ist ironische Komödie, märchenhafte Romanze, sadistischer Thriller und lyrische Evokation jugendlicher Schwärmerei. Vertraute Genre-Muster des Kinos werden virtuos ver-rückt, Fragmente der audiovisuellen Medienwelt (Oper, Pop, Rock, Video, Werbebilder) absichtsvoll absurd zusammengesetzt zu einem schillernd schönen synthetischen Kino-Puzzle. Das „film noir“-Märchen (wo böse Betrüger von müßigen Träumern ausgetrickst werden) als rauschhafte „Rhapsody in Blue“ (dem traumtiefen Blau der Mitternacht und des frühen Morgens) in einer Disco-Neon-Plastik-Phantasie-Welt, die doch nur graduell entfernt ist von jenem Genre-„Realismus“, der selbst nur (gewohntere) Stilisierung ist. In Frankreich und den USA gilt „Diva“, der 1981 gedrehte erste Spielfilm des 36jährigen Beineix, mittlerweile als Kultfilm.

Helmut W. Banz

„Café Malaria“ von Niki List. Bilder und Töne aus der „inneren Versumpfung“, ein disparater „Reigen“ im lakonischen New-Wave-Stil. Die Neon-Babies und Feierabend-Freaks der Wiener Vorstadt trinken giftig dampfende Cocktails, die „Captagon Citron“ oder „Grüner Orgasmus“ heißen. Das Café Malaria, ein alternatives Kaffeehaus, das ein neurotischer Designer aus den frühen fünfziger Jahren eingerichtet haben könnte, ist ihr Domizil. Die einen reden noch über die Revolution und zitieren mürrisch Wittgenstein, die anderen haben sich heillos in Beziehungs-Scharmützel verstrickt. Eine Nacht lang waltet im Café Malaria der gewöhnliche Narzißmus der Aufreißer und Dealer, der gehemmten Knaben und der einsamen Mädchen. Aus vielen Augenblicken summiert sich nie eine Geschichte. Der Regisseur Niki List, 1956 in Wien geboren, beläßt es in seinem ersten, für rund 100 000 Mark gedrehten Spielfilm bei ironischen Momentaufnahmen aus der „scene“. „Café Malaria“ ist eine kaputte Komödie, bei aller Armut sehr phantasievoll, und dazu ein authentisches Dokument aus einer modischen Gespensterwelt.

Hans-Christoph Blumenberg

Beachtlich

„Danni“ von Martin Gies, der in seinem Regiedebüt, für das er auch als Autor und Co-Produzent zeichnet, „geballt in neunzig Minuten“ zeigen will, „was im Leben oft Jahre dauert“: wie aus einer spontanen Verliebtheit sich quälerischer Gefühlsterror entwickeln kann. In einer Kneipe lernt der Rundfunk-Journalist Stefan (Robert Hunger-Bühler) das Mädchen Danni (Brigitte Karner) kennen. Sie zieht bei ihm ein und überzieht ihn mit hilflos rücksichtslosen Ansprüchen auf Liebe, während er sich in selbstverleugnendes Nachgeben flüchtet. Unsicherheiten und Ängste, Angriffe und Verletzungen steigern sich zu einem Psychodrama, dessen – zuweilen lächerliche – Details beziehungsgeschädigten Zuschauern nur allzu vertraut sein dürften. Der Aufruhr der Gefühle endet, wie in Nicholas Roegs „Bad Timing“, fast zwangsläufig gewaltsam. Mit dieser amour fou, für die er in Brigitte Karner eine ideale Interpretin gefunden hat, bekennt sich Martin Gies, der bislang Drehbücher für Tatort-Krimis schrieb, entschieden zu einem Kino der Emotionen – im deutschen Kino schon eine Seltenheit.