Dortmund

Der Einladung war eine freundliche Aufforderung beigefügt: Turnschuhe, Trainingsanzug und Handtuch seien bitteschön mitzubringen. Doch als Uniformierte der Wach- und Schließgesellschaft am Freitag letzter Woche die Tore der Dortmunder Westfalenhalle zum 1. Deutschen Aerobic-Festival öffneten, registrierten sie vornehmlich Besucher in Zivil, die das gratis verteilte Muskel-Fluid dankend ablehnten. Nur wenige hatten sich für die Arbeitskleidung der neuen Bewegung entschieden, für „legwarmer“ und „Sydne“- oder „Jane“-Trikots.

„Ich fühl mich gut“, dieses pulsierende und glückverheißende Motto der Vorturnerin Sydne Rome konnten die Veranstalter an diesem Abend nicht nachvollziehen. Enttäuscht standen sie in einer fast leeren, sehr teuren Halle.

Die ganze Zeit hat es an den Eingängen nicht „gemoved“. Auch in der Halle ist kaum Bewegung. „Let’s move“ zu hämmernder Musik muß diskret vom 20-Uhr-Termin nach hinten verschoben werden. Doch Besucher-Ströme sind nicht mehr zu erwarten. Ein Drittel des Publikums besteht aus nichtzahlenden Ehrengästen – und nun will keiner mehr zwölf Mark fürs Entree bezahlen, um noch etwas Bewegung in die Bewegung zu bringen.

Währenddessen sucht man hinter der Bühne hektisch nach Ablenkung von der Leere: Wo sind die Aerobinnen, die den Wettstreit um irgendeinen Miß-Titel unter sich ausmachen könnten? Ein Friseur im Nachbarraum jedenfalls steht bereit, um für gutes Abschneiden zu sorgen. Der erste wirkliche Höhepunkt naht: Eine Sportmodenschau mit Präsentation der schönsten Aerobic-Kreationen. Die Photographen gehen in Position, kämpfen um den besten Blickwinkel. Bei einer etwas fälligen Aerobic-Dame rutscht ein Trikot-Träger, typisch weibliches wird sichtbar. Das begeistert die Zuschauer. Sie applaudieren heftig.

„Miß Aerobic“ steht zur Wahl, es wird wieder ernst. Unter den kundigen Augen eines Zahnarztes, eines Ingenieurs sowie eines ehemaligen Bobfahrers müssen sich lupenreine Amateure mit den Fähigkeiten bereits fortgeschrittener Aerobic-Süchtiger messen. Nach drei Disziplinen – sie erinnern entfernt an Hula-Hupp und Seilchenspringen – machen Wörter wie „Schiebung“ die Eine der ausgeschiedenen Titelanwärterinnen ist verärgert, sie fühlt sich verschaukelt: „Es war ein abgekartetes Spiel.“

Die ersten Besucher treten zu diesem Zeitpunkt bereits den Rückzug an und bewegen sich zum Ausgang. Es reicht ihnen. Doch unverdrossen erklären die Veranstalter den wenigen Unentwegten: Wir machen weiter. Festivals in anderen bundesdeutschen Großstädten seien bereits ins Auge gefaßt.

Hanns-Bruno Kammertöns