Von Christa Rotzoll

Erinnerungsbücher von Menschen, die nun um die Sechzig sind und einmal stolze, ihrer Sendung sichere Hitler-Kinder waren: Neuerdings gibt es schon eine Menge solcher Bücher. Wer die Gruppenstimmungen im Dritten Reich nachträglich wahrzunehmen oder auch für sich zurückzurufen wünscht, wird kaum ohne solche Dokumente – möglichst viele und verschiedenartige – auskommen.

Ehrlich sind die meisten dieser Bücher, ehrlicher – im ganzen – als die Rückblende von Menschen, die schön 1933 mündig, wenn nicht gar berühmt waren. Denn die Schulkinder von 1933 fühlen sich nicht wie die Älteren genötigt, in einem peinlichen politischen Prozeß so günstig wie nur möglich wegzukommen und dabei noch alle Rollen selbst zu spielen, als Ankläger und Angeklagte, als Belastungs- und Entlastungszeugen.

Ehrlich wirkt auch der Regisseur vom Jahrgang 1924, der sich nun als Hitlerjugend-Führer und als Frontsoldat abbildet. Aber seine Ehrlichkeit hat ihre eigene Qualität –

Rolf von Sydow: „Angst zu atmen“; Ullstein Verlag, Frankfurt, 1983; 160 24,80 DM.

Das Buch ist, was den Blickwinkel, den „Fall“, die Klemme und den Leidensdruck seines Verfassers anbetrifft, durch keines der anderen Generationszeugnisse zu ersetzen. Ein Großvater Sydows war Jude, eher: ein von Juden abstammender Christ, und Rolf deshalb „Vierteljude“, nach der damaligen Sortierung, und nicht, wie der solchen Unterscheidungen anscheinend nicht gewachsene Klappentexter annimmt, „Halbjude“. Halbjuden wurden nach dem Polenfeldzug aus der Wehrmacht ausgestoßen, Vierteljuden durften bis zum Ende dienen, aber nicht als Offiziere. Rolf von Sydow galt als tüchtiger Ausbilder beim Jungvolk und brachte es im Krieg zum Offiziersanwärter. Aber die jüdische Abkunft des Großvaters blieb nie sehr lange im Nebel. Daß Sydow nur aus der Hitler-Jugend ausgeschlossen und, später, als dekorierter Frontkämpfer nur auf den Mannschaftsstand zurückverwiesen wurde, konnte, wie es einmal aussah, schon als glimpfliche Behandlung gelten.

Das wird ein Nachgeborener vermutlich schwer begreifen: daß der Enkel eines Juden in der Hitler-Jugend und der Wehrmacht weiterkommen wollte, daß er sich nicht im Widerstand betätigt hat, wenn er schon seinen Mut und seine Kraft, andere mitzuziehen, beweisen mußte. Doch dieser Großvater, im Ersten Weltkrieg Oberstabsarzt und nun Sanitätsrat, hat sich selbst niemals den Juden zugezählt, er „kann die echten Juden nicht ausstehen“, schon seine Eltern waren getauft, er fühlt und denkt deutschnational. Er ist einer von vielen. Juden, die keine mehr sein wollten, wurden wieder zu Juden gemacht und als Juden ermordet. Der alte Arzt, verheiratet mit einer Frau aus nichtjüdischem Haus, stirbt allerdings nicht in der Gaskammer, sondern im Polizeigefängnis. Er ist verhaftet worden, „weil er einen nichtjüdischen Patienten behandelt und den gelben Judenstern ‚nicht offen getragen hat‘“.