Lübeck

Wie sehr sich demokratische Bürger in einen Prozeß der zwar gemeinsam erlebten, aber vor allem gegeneinander gerichteten Bewußtseinsbildung verbeißen können, zeigt aufs Schönste der Kaak in Lübeck. Diejenigen, die nie ihre Stimme erhoben, wenn denkmalwürdige Mauern vor Wirtschaftsinteressen zusammenkrachten, klammern am Kaak, als sei er der Freiheitsbrief der ehemalig Freien Hansestadt Lübeck. Die ihn verhindern wollen, sind die sogenannten Alles-Retter, die bislang nichts Altertümelndes umkommen ließen.

Verdrehte Fronten also, doch zunächst beginnt die Geschichte ganz übersichtlich: Der Kaak ist nämlich gar nicht vorhanden. Der Gegenstand, um den gediegene Kaufleute, einflußreiche Wohltäter, Historiker, Senatoren und engagierte, dafür weniger einflußreiche Altstadt-Retter heftig, ja ausfallend seit 30 Jahren streiten – der Pranger auf dem Markt der Hansestadt – steht längst nicht mehr dort, wo er hingehört. Er ist fort.

Ausgerechnet das Gebäude unseliger mittelalterlicher Gerichtsbarkeit überstand den schweren Bombenangriff in der Palmsonntagnacht 1942, als Kirchen und alte Bürgerhäuser in Schutt und Asche sanken. Zehn Jahre später jedoch wurde das "Baudenkmal für die Souveränität der freien Stadt" und ihrer "eigengesetzlichen Strafrechtspflege" (so seine Befürworter) weggeräumt.

Es war eben die Zeit des Aufräumens; die Zeit, von der Deutschlands Denkmalpfleger sagen, daß in ihr weit mehr zerstört, heimlich vernichtet oder mit staatlichen Zuschüssen abgerissen wurde als die Bomben des Zweiten Weltkrieges zerschlagen hatten: Ein Fünftel Krieg, vier Fünftel Wirtschaftswunder heißt die Faustregel.

Auch der Kaak war den großflächig gleich- und glattmachenden Konzeptionen im Wege gewesen – wie so viele schöne alte Bürgerhäuser, ja ganze Straßenzüge, die für C & A, Karstadt und andere große Kaufhäuser niedergerissen wurden. Maßgebliche Bürger stürzte dies nicht in schwere Konflikte zwischen ihren wirtschaftlichen Interessen und der Erhaltung der historischen Altstadt.

Aber der Kaak in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus und der Marienkirche, wo nämlich weder ein Kaufhaus noch ein Parkbunker errichtet werden können, wurde ihr liebstes Sorgenkind. Die kleine, um 1465 gebaute, zweijochige Bogenhalle wurde sorgsam abgetragen. Stein für Stein würde die "Seufzerbude" durchnumeriert und auf einem städtischen Bauplatz gelagert. "Wir bauen ihn wieder auf", versprach der Senat, und daran erinnert hartnäckig Jahr um Jahr die Pranger-Fraktion mit ihrer Parole "Wir wollen unseren Kaak wieder haben." Allen voran die "Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit", kurz "die Einarmigen" genannt, weil ihre Mitglieder im Theater immer so wenig applaudieren.