Von Rainer Rupprecht

Im Jahre 1882 wurde der Biologieunterricht für die Oberstufe der preußischen Gymnasien abgeschafft – eine Entscheidung der um die Sitte fürchtenden Obrigkeit. Hundert Jahre später wird ähnliches auf unauffälligen Umwegen eingefädelt: Rheinland-Pfalz erließ 1982 eine neue „Landesverordnung“ über die Erste Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien: Wer Sprachen als Studienfächer wählt, braucht wie bisher nur zwei zu studieren; wer sich aber auf Biologie, Chemie oder Physik einläßt, muß zukünftig in drei Fächern eine Prüfung ablegen.

Obwohl in den Naturwissenschaften das Wissen in den letzten Jahren ungeheuer angewachsen ist (eine parallele Entwicklung in der lateinischen Philologie ist mir nicht bekannt), soll jetzt noch ein drittes Fach im Grundstudium „anstudiert“ und anschließend (während der Student auf seine erste Einstellung wartet) weiterbelegt werden. Der Grund liegt gewiß nicht in der äußerst begrenzten schulischen Unterrichtszeit der naturwissenschaftlichen Fächer, denn: Wer Musik oder bildende Kunst wählt, benötigt für seine Einstellung auch nur ein beliebiges Zweitfach.

Was steht hinter der Absicht, Chemie, Physik, Biologie als drittes Appendix-Fach studieren zu lassen? Es ist kaum die Liebe zu den „Nebenfächern“, eher die Ansicht, Naturwissenschaften seien nebensächlich. Vom dritten Fach über die Nebensache zur drittklassigen Ausbildung ergibt sich eine sanfte Neigung, an deren Ende eine neue Kürzung des wissenschaftlichen Unterrichts (zwischenzeitlich vom Kultusminister des Landes Rheinland-Pfalz schon angedeutet) mangels Bildungsergiebigkeit steht.

Daß sich die Lehrer bei dem derzeitigen Stoffzuwachs überfordert fühlen werden, ist selbstverständlich. Eine geschichtliche Parallele: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts (1816) wurde Naturbeschreibung (Biologie und Chemie) in die Lehrpläne aufgenommen und zu einem eigenen Prüfungsfach an den Gymnasien erhoben. Die Verantwortlichen hatten es eilig und suchten die Lösung auf dem Verordnungswege: Lehramtsanwärter hatten plötzlich neben Philosophie, Pädagogik, Theologie und den Sprachen auch noch Naturwissenschaften zu studieren. Man erwartete, daß alle Lehrer, auch die Altphilologen, naturwissenschaftlichen Unterricht erteilen konnten. Die Lehrer fühlten sich überfordert. Ein Medizinalrat namens Lorinser erkannte 1836, die Schüler seien überlastet und deshalb müsse nicht an den damals noch acht (Wochen-)Stunden Latein oder fünf Stunden Griechisch gespart werden, nein, die zwei Stunden Naturbeschreibung seien das wahre Übel. Naturkunde wurde zum Wahlfach degradiert.

Unter dem Druck der wirtschaftlich-technischen Entwicklung des vorigen Jahrhunderts fand das ungeliebte Kind Naturwissenschaft auf dem Umweg über die Realschulen Gehör und Einlaß, um 1882 (wegen Darwins sittengefährdender Hypothese) erneut von der Oberstufe verbannt zu werden.

Viele Naturwissenschaftler haben ihre eigene Geschichte nicht gelesen oder im Gedächtnis behalten – sonst müßte sich angesichts der erneuten Verdrängung etwas regen. Der geringe Stellenwert der Naturwissenschaften in der Bundesrepublik hat vielfältige Ursachen.