Den „größten Augenblick“ seines Lebens, sagt er, habe er „nur halb“ mitbekommen; auch den Händedruck der englischen Königin, der dazu gehörte, damals im Frühjahr 1956, als er mit der Mannschaft von Manchester City im Londoner Wembley-Stadion das englische Cupfinal gewonnen hatte – 3:1 gegen Birmingham.

Aber das eigentlich Unglaubliche war schon vor dem Spiel geschehen. Da hatten die Engländer tatsächlich ihn, den ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen, zum „Fußballspieler des Jahres“ gewählt. Noch nie war im englischen Fußball dieser hochgeschätzte Titel einem Ausländer verliehen worden. Und nun war damit ein Mann geehrt worden, gegen den es in Manchester einige Jahre zuvor noch Boykott-Aufrufe gegeben hatte: „Keine Spiele mit dem Nazi!“

Bernd Trautmann, der Kriegsgefangene aus Bremen, war nach Kriegsende in England geblieben. 1946 entschärfte er im Auftrag der britischen Regierung Bomben. Drei Jahre später entschärfte er als Torwart von Manchester City die härtesten Schüsse der gegnerischen Stürmer. Und nun stand er im Cupfinal, dem alljährlich größten Ereignis des englischen Fußballs. Irgendwann passierte es in diesem Spiel. Beim Zusammenprall mit einem gegnerischen Spieler blieb er liegen. Die 100 000 Zuschauer im Wembley-Stadion hielten den Atem an. Aber dann machte er weiter, rettete seiner Mannschaft durch großartige Paraden den Sieg.

„Aber an die letzten zwanzig Minuten des Spiels kann ich mich nicht erinnern“, sagt er, „und auch, daß mir die englische Königin die Hand gab, habe ich nur ganz verschwommen mitbekommen.“

Die Diagnose der Ärzte zwei Tage danach: Genickbruch. Trautmann: „Da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man stirbt oder man bleibt gelähmt.“

Für den Manchester-Torwart gab es eine dritte Möglichkeit: Er wurde wieder gesund. Wochenlang war er in ein Gipskorsett gezwängt, das von den Haarwurzeln bis zur Hüfte reichte. Im Spätherbst 1956 stand er wieder im Tor seiner Mannschaft. Ein Volksheld.

Als Journalist habe ich damals, Anfang der sechziger Jahre, Bernd Trautmann mit seiner Mannschaft gegen Arsenal, gegen Aston Villa, Tottenham Hotspurs und Portsmouth spielen sehen. Ich habe die Mannschaft wochenlang auf ihren Reisen durch den Alltag des englischen Fußballs begleitet und miterlebt, wie die Engländer den Deutschen, den sie „Bert“ riefen, überall als einen der Ihren begrüßten. Kein deutscher Politiker hat damals soviel fürs gegenseitige Verständnis getan wie der Bremer Fußballspieler Trautmann.