Von Jürg Altwegg

Am 2. Juni 1967 wurde anläßlich einer Demonstration gegen den Berlin-Besuch des Schahs von Persien der Student Benno Ohnesorg erschossen; damals sprach Günter Grass vom „ersten politischen Mord“ in der Geschichte der Bundesrepublik. Im April 1968 folgten die Kugeln auf Rudi Dutschke – hatte hinter dem Attentäter Bachmann Springers Bild den Finger am Abzug?

Nach den Morden an Buback, Ponto, Schleyer, der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“, der Befreiung der Geiseln in Mogadischu sowie den konzertierten Suiziden von Stammheim, in der Nacht zum 18. Oktober 1977 ist die Geschichte des gescheiterten Studentenprotests und des RAF-Terrors, der aus ihm hervorging, mit verständlichen Emotionen als deutsches Kapitel aus Kultur und Kriminalität diskutiert worden: Woher bezogen einige zu allem entschlossene Jungakademiker, welche die etwa gleichaltrige Demokratie ihrer territorial zerstümmelten Heimat der Dichter und Denker in den Grundfesten erschütterten, jene Ideen, die sie in blutige Taten umsetzten? Die Zusammenhänge von Literatur und Terrorismus untersucht der Publizist

Hans-Egon Holthusen: „Sartre in Stammheim. Zwei Themen aus den Jahren der großen Turbulenz“; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1982; 243 S., 34,– DM.

Das Buch soll anstiftenden Geist und ausführenden Terror gleichsam lokal und personell situieren. Jean-Paul Sartre hatte Andreas Baader im Winter 1974 in Stammheim aufgesucht: auf Betreiben von Klaus Croissant, mit Daniel Cohn-Bendit als Übersetzer und chauffiert von Hans-Joachim Klein.

In ihrer „Zeremonie des Abschieds“ berichtet Simone de Beauvoir, Sartre habe den provokativen Gang ins Gefängnis im nachhinein als Mißerfolg empfunden. Ihn interessierten, wie seine Lebensgefährtin schreibt, „die Motive der Gruppenhandlung, ihre Hoffnungen, Aktionen und – allgemein – ihre politische Idee“. Es ging Sartre keineswegs darum, von Baader zu hören, er sei durch dessen Werke zum Terroristen geworden. Die beiden Männer blieben sich so fremd, wie das zu erwarten war. Und all das, was sie sich in der halben Stunde ihres flüchtigen Zusammenkommens persönlich nicht zu sagen hatten, hofft der Leser nun auf 240 Seiten von Holthusen zu erfahren, welcher die ungewöhnliche Begegnung im Hochsicherheitstrakt beim Symbolwert nimmt.

Holthusen bringt Sartre auf verschiedenen Wegen in die Diskussion. Im ersten Teil befaßt er sich mit den Flugblättern, die 1967 in Berlin dazu aufforderten, Kaufhäuser anzuzünden. Fritz Teufel und Rainer Langhans, Mitglieder der Kommune I und mutmaßliche Verfasser, wurden angeklagt, durch „Verbreitung von Schriften“ zur „Begehung strafbarer Handlungen“ aufgerufen zu haben. Zur Beurteilung der juristischen Verantwortung bestellte das Gericht ein literarisches Gutachten, für das die Professoren Eberhard, Szondi, Taubes und Wapnewski beigezogen wurden. Sie beziehen sich in ihrer Erörterung vorwiegend auf französische Dokumente und Autoren aus dem Umkreis des Surrealismus (Breton, Nadeau, Queneau) und auf den Literaturtheoretiker Sartre, den sie, wie Holthusen nachweist, ohne Quellenangabe stellenweise wörtlich zitieren.