Der Start vom Bildschirmtext muß verschoben werden zur Freude der Industrie

Von Heinz Blüthmann

Ein Jahrhundertding war angesagt – am 2. September dieses Jahres sollte es steigen und fortan die Welt verändern. Wie groß die Sache einzuschätzen ist, machte zuvor schon der Wirtschaftswissenschaftler Carl-Christian von Weizsäcker, sonst eher zu nüchternen Formulierungen neigend, durch ein gewagtes Bild klar: Das sei „mit einer Lawine zu vergleichen, von der man nicht weiß, ob, wann und wo sie niedergehen wird, aber wenn sie sich löst und ihre kritische Masse erreicht, wächst sie unaufhaltsam weiter, bis sie vollgesättigt im Tal ausläuft.“

Trotz der Beschreibung des Ökonomie-Professors: Gemeint ist kein umwerfendes Naturereignis, sondern ein neues Menschenwerk mit dem schrecklichen Namen Bildschirmtext (Kürzel: Btx). Viel schöner wäre dafür etwa die Bezeichnung Computervision, denn mit Btx kommt erstmals durch Zusammenschaltung von Telephon und heimischem TV-Bildschirm billig Computerwissen auf Wunsch in jedes Wohnzimmer, und – so meinen Medienexperten – der Bundesbürger kann den ersten Schritt in die elektronische Kommunikationsgesellschaft machen.

Der gute alte Brief, aber auch jüngere Verständigungsmittel wie Telegramm und Telex sind out. Diese neuerliche technische Aufrüstung der Haushalte, so meint der Bochumer Medienforscher Helmut Kromrey, „dürfte einen stärkeren Wandel in der Alltagskultur einleiten als die Ausweitung von Fernsehprogrammen“.

Test seit 1979

Seit Herbst 1981 läuft der Countdown für die Revolution, denn damals bestellte die Deutsche Bundespost, was sie zur bundesweiten Einführung von Btx vor allem benötigt: über hundert große und kleine Computer, die regional verteilt das ungeheure Wissen speichern und verteilen sollen, das die Telefonkunden künftig nutzen können, und – viel schwieriger zu liefern, weil noch nirgendwo auf der Welt vorhanden – ein Organisationsschema, im Branchenjargon Software genannt, das für eine reibungslose Arbeitsweise der Rechner sorgt. Die Post orderte beides bei einer ersten Adresse, dem größten Computerkonzern der Welt: IBM. Wichtiger Bestandteil des Fünfzig-Millionen-Mark-Auftrags: Bis Anfang September dieses Jahres sollte alles betriebsklar sein.