ARD, Sonntag, 10. April: „Menschen und Straßen – Die Simmeringer“, Beobachtungen in einer Wiener Arbeiterstraße, von Birgit Kienzle

Ist das schon Wien?fragen die Reisenden, wenn Sie auf dem Weg vom Flughafen Schwechat in die Innenstadt durch die Simmeringer Hauptstraße fahren, an Gasometern und am Zentralfriedhof, an Zinshäusern und Gemeindebauten, an Mauern mit theresianischem Gelb und am Krematorium aus dem 20. Jahrhundert vorbei.

Ja, es ist Wien. XI. Bezirk, kleine Läden und Cafés, ein verfallener Prachtbau Maximilians II., Reste alter Einkehrgasthöfe: ein Hauch der Monarchie und viel republikanisches Rot. Drei Viertel wählen sozialistisch um die Simmeringer Hauptstraße herum; „die Partei“, das ist das Lebenselixier der alten Leute in den Gemeindebauten; man hat gegen die Heimwehr gekämpft, weiß sich im Bund mit den Austromarxisten aus Großvaters Zeiten; man hält den Alten die Treue, die, irgendwoher aus dem Osten eingewandert, zwischen Simmering und Kaiser-Eberdorf ansässig wurden, am östlichsten und rotesten Punkt der Stadt Wien.

Birgit Kienzle berichtete kenntnisreich, mit Takt und Gespür für lange Traditionen, über eine von kleinen Leuten bewohnte Straße und über die kleinen Leute selbst, den Rentner und die Hausbesorgerin, die verwitwete Zugehfrau und die kroatische Toilettenwärterin vom Zentralfriedhof: „Gräber sind Schulen. Man kann hier viel lernen.“

Statt der prunkvollen Grabstätten, den Ehrenmonumenten berühmter Persönlichkeiten, kamen, Erdloch neben Erdloch, ausgeschichtete Armengräber ins Blickfeld – und das war konsequent und wohlüberlegt. Die Großen, Berühmten und Reichen, ein schwadronierender Industrieller an ihrer Spitze, der sich auf sein „von“ soviel zugute hielt wie auf bombastische Phrasen – die Toten vom Zentralfriedhof mit den leuchtenden Namen und die Fabrikbosse vom XI. Bezirk mit den Millionen auf ihren Konten – sie spielten nur Statistenrollen in der Ballade von Wiens rotem Osten, waren Fußnoten zu einem Text, den, würdig und in plastisch griffiger Sprache, kleine Leute schrieben, alte zumal, die ihren Kreisky lieben, aber ihren Kaiser auch.

Geschäftsleute, Ladner seit Generationen (Öffnung: 5.45 Uhr in der Früh) erzählten von Notzeiten, in denen sich die Simmeringer nachts nach einem Bissen Fleisch anstellten; Stadtstreicher spannen die Pläne einer Nonne zu Ende („Je mehr wir sind, desto größer die Chance, daß eine Wärmehalle gebaut wird“); eine alte Sozialistin verdeutlichte, in einer Sprache, die das Simpelste in Poesie verwandelte, den Unterschied zwischen dem Arbeiter, der zu Fuß ging, früher einmal, und dem Arbeiter, der, heute, mit dem Auto vorfährt: „Wir haben alles gehen, haben alles tragen müssen“ – Gegensätze zwischen Hoch und Tief, Kalesche und Schusters Rappen, nicht verschleiert, sondern auf den Begriff gebracht!

Theatrum mundi in der Mitte von Armeleutehäusern und Zentralfriedhof, mit der alten Garde der SPÖ als Protagonisten. Ein Film, der, von Armut, Stolz und Solidarität handelnd, nur einen einzigen Fehler hatte: daß er die Jungen aus Simmering, die flinken Kommunalpolitiker und alerten Ideologen der Partnerschaft von Unternehmern und Arbeitern zu rasch und unbedacht als „die neuen Herren“ etikettierte. Das nämlich sind sie keineswegs: Aber, im Unterschied zu ihren Großeltern, denen, da sie alles gehen und alles tragen mußten, Klassenunterschiede eingebleut wurden, glauben sie es vielleicht tatsächlich zu sein.