Medizinstudenten im praktischen Jahr werden mit ihren Fragen meist allein gelassen

Von Reinhard Rychlik

Die wahre Angst des Medizinstudenten beginnt vor dem praktischen Jahr, nämlich nach seinem bis dahin größten Studienerfolg: dem bestandenen zweiten Teil der ärztlichen Prüfung, kurz zweites Staatsexamen genannt. Vier Tage hatte er sich fragen lassen müssen, welches seiner Meinung nach die beste Antwort wäre und welche auf jeden Fall nicht richtig ist. Er hatte zwischen Enteritis regionalis und Colitis ulcerosa differenziert und die Nebenwirkungen von Lithiumgaben gewußt.

Er hatte erkennen müssen, daß die mühsam angeeigneten Fakten bei weitem nicht ausreichten, um mit einem einigermaßen gestärkten Selbstvertrauen aus der Prüfung herauszugehen. Statt dessen wurde ihm wieder einmal bewußt, daß es sich mehr um ein Gedulds- und Glücksspiel gehandelt haben muß. Manche beschriften ihren Radiergummi mit den fünf Lösungsmöglichkeiten und werfen ihn bei differential-diagnostischen Überlegungen in die Luft, manche schwören bei leisestem Zweifel auf die Lösung E, weil diese nach der Privatstatistik doch recht häufig ist, und manche vertrauen auch lieber ihrem Prüfungsnachbarn bei der Entscheidung, ob man sofort ins Krankenhaus einweisen oder doch erst einen Therapieversuch mit Spasmolytika unternehmen sollte.

Aber nun ist ja alles vorbei und die 60-Prozent-Hürde übersprungen. Nun kommt ja nur noch das praktische Jahr, in dem die langjährig präparierte Theorie endlich in die Praxis umgesetzt werden kann. Jura- oder Lehramtsreferendare werden für ihre Tätigkeit entlohnt; der Medizinstudent bleibt auch im praktischen Jahr Student, er verdient ja als Arzt anschließend genug Geld, das kann man in jeder Illustrierten nachlesen. Obwohl Juristen und Lehrer im staatlichen Dienst dasselbe Grundgehalt wie ein Arzt erhalten, nimmt der Medizinstudent also schon im praktischen Jahr eine Sonderstellung ein. Aber Ärzte waren ja schon immer etwas Besonderes.

Gerade diese rechtliche Stellung als Student während des praktischen Jahres sorgt entscheidend für die nun folgende Verhaltensunsicherheit. Sie zeigt sich als erstes im Umgang mit dem Krankenhauspersonal. Der „junge Kollege“ wird nämlich recht unterschiedlich behandelt: Während die Schwestern eigentlich nichts so recht mit dem neuen Mitarbeiter anfangen können, weil sie ihm weder Anweisungen geben noch solche vom Studenten erhalten können, wissen die „älteren Kollegen“ schon genau, was sie dem Nachwuchs beibringen müssen. Als erstes sollten die Blutabnahme und das Spritzen geübt werden, denn dieses entscheidet nicht nur über das spätere Ansehen des Arztes bei seinen Patienten, sondern kostet den Stationsarzt jeden Morgen aufs neue mindestens eine Stunde Zeit. Und in der Tat ist die Venenpunktion eine Übungssache, bei der man zugleich das Gespräch mit dem Patienten suchen könnte. Der Ernstfall sieht jedoch in der Regel etwas anders aus: Schon bald wird dem Studenten die ganze Station zum Spritzen überlassen, womit diese Tätigkeit zu seiner vormittäglichen Hauptbeschäftigung wird.

Nachdem er dann noch (als Zuhörer) an unterschiedlichen Röntgen-, Dienst- und Stationsbesprechungen teilgenommen hat, darf sich der angehende Arzt endlich auch dem Patienten widmen und eine „Neuaufnahme“ untersuchen. Die hierzu notwendigen Rückfragen werden in der Regel auch von jedem Statiöns- oder Oberarzt beantwortet – bis die entscheidende Frage kommt: Wie behandle ich denn diesen Menschen? Wer hier erwartet, daß das vorab an die Hand gegebene Diagnoseschema auch auf den Therapiebereich erweitert wird, ist enttäuscht; auch die Pflichtseminare in den Nachmittagsstunden geben hierauf nur ausweichende Antworten: „Dazu müssen Sie zwei bis drei Jahre eine eigene Station leiten. Wir können ihnen unmöglich jede Therapie auseinanderlegen.“