Seit zweitausend Jahren blüht das Geschäft mit Marmor aus Carrara

Die Ölquellen unserer Kunden werden längst ausgetrocknet sein, wenn hier noch immer Marmor aus dem Berg gesägt wird“, sinniert der Ingenieur der Grube Henraux oben in den Apuanischen Alpen. Ringsum Millionen Tonnen Marmor, „weißes Gold“, so weit das Auge reicht. Zweitausend Jahre lang haben Sagen, Pickel und Hacken bereits tiefe Furchen in diese Berge gezogen, die sich als fünfzig Kilometer lange und fünfzehn Kilometer breite geologische Schatzinsel vor dem Tyrrhenischen Meer aufbauen.

Die Tempel des alten Rom, der schiefe Turm von Pisa, der Palast seiner königlichen Hoheit Prinz Abdul Ibn Aziz von Saudi-Arabien, das World Trade Center in New York, die BMW-Hauptverwaltung in München, Hunderttausende von Marmortreppen moderner Wohnbauten wurden aus dem kristallinen Kalziumkarbonat herausgehauen. Drüben, am Monte Altissimo, holte wahrscheinlich Michelangelo den Block für seinen Moses. Und hier aus der Grube der Firma Henraux kommt der Rohstoff für Henry Moores Plastiken – feiner schneeweißer „Marino Statuario“ – Statuenmarmor.

Das muß allerdings nicht einmal der teuerste Marmor sein. Die ganz makellosen Blöcke aus diesem Gestein sind nämlich so kostbar, daß sie vorzugsweise in dünne Platten geschnitten und gegen Liebhaberpreise zu polierten Flächen gefügt werden. Araber, Amerikaner und Deutsche gehören zu den besten Auslandskunden der Marmorstädte Massa und Carrara am Fuße dieser Berge.

Jährlich wird dieses Gebirge um 1,2 bis 1,5 Millionen Tonnen erleichtert. Dabei ist die eigentliche Marmorproduktion heute in ihrem wirtschaftlichen Gewicht weniger bedeutend als die Verarbeitung. In den Marmorbrüchen sind noch 1500 Mann beschäftigt. Weitgehende Rationalisierung im Abbau hat dazu geführt, daß ein Arbeiter heute achtmal so viel fördert wie noch 1955. Damals schafften 3500 Bergarbeiter 350 000 Tonnen.

Daß Marmor nicht gleich Marmor ist, zeigt schon ein Blick auf die vielfältig gebänderten und gefleckten Blöcke in den Vorratslagern der Verarbeitungswerkstätten. Technische Daten wie Festigkeit und Schleifbarkeit, die Seltenheit der Sorte, aber vor allem die Einflüsse der Mode lassen den Kubikmeterpreis zwischen siebenhundert und siebentausend Mark schwanken. Deshalb kann der Durchschnittsblock von der Größe eines Kleinwagens ebenso teuer sein wie dieser, oder auch einen Porsche kosten. Für die Bauwirtschaft werden die Blöcke zunächst in quadratmetergroße Platten geschnitten und dann maßgerecht in Stufen, Fliesen und Verkleidungsplatten zerstückt. Diese Arbeit erledigen heute vielfach bereits Automatenstraßen, die mit Längs- und Quersägen, automatischen Bohrern und Fräsen ausgerüstet sind.

Findige Bearbeiter halten sich dagegen an den Abfall. Der kostet allenfalls sechzig bis achtzig Mark je Kubikmeter, und im Grunde sind die Grubenbesitzer froh, wenn er überhaupt abtransportiert wird. Denn der Abfall von Jahrtausenden überdeckt in diesem Gebirge eigentlich überall nur den schönen glatten Marmorstein, der darunter liegt. Abfall läßt sich zu Marmorpulver zermahlen, das Pulver wieder zu Platten pressen. Marmorstückchen ergeben zusammengebacken und abgeschliffen wieder Bodenbelag.