Wieder einmal verschafften britische Gentlemen Scotland Yard einen reizvollen Auftrag

Wann immer, wie jüngst in London, Gentlemen zur Kasse bitten und auf ihre eigenwillige Weise ein bißchen Vermögen umverteilen, fühlt sich unsereiner auf seine Charakterfestigkeit getestet und mit der unangenehmen Tatsache konfrontiert, daß er wahrhaftig zwei Seelen in seiner Brust hat, von denen eine vermutlich ziemlich schwarz ist.

Einerseits: Man weiß ja und hat es sein Leben lang zu beherzigen versucht, daß es sich nicht gehört, fremden Tresoren Banknoten zu entnehmen, noch dazu bündelweise und in einer Menge, die den Einsatz eines Lastwagens erforderlich macht. Abgesehen von der Zumutung, die dergleichen für die Polizei bedeutet, ist es schlechthin unmoralisch.

Andererseits: Gewissen Leistungen kann man einen gewissen Respekt nicht versagen. Wer sich vorzustellen vermag, wie schwer es ihm selber fiele, einen mit sieben Millionen Pfund beladenen Lastwagen aus einer Fort Knox vergleichbaren Festung herauszubringen, kann nicht umhin, denen Achtung zu bezeugen, die das zuwege brachten.

Kurzum: Unsereiner blickt mit klammheimlicher Bewunderung auf das Kabinettstück illegaler Selbstbedienung, mit dem – unter Mitnahme von umgerechnet 25 Millionen Mark – ein noch nicht identifiziertes Ensemble von Gentlemen aus offensichtlich höheren Kreisen der Unterwelt am Ostermontag Scotland Yard zu einem neuen reizvollen Auftrag verhalf.

Es ist – alles Leugnen wäre zwecklos – die Faszination des großen Verbrechens, die einen da anrührt, eines Verbrechens im großen Stil, des perfekten Verbrechens, unblutig, wie man zu seiner Entschuldigung anführen darf, und rekordträchtig: Auch in dem in dieser Hinsicht als klassisch geltenden England hat sich noch nie jemand mit so viel Geld so elegant davongemacht.

Der bislang unbescholtene Bürger muß zu seiner Schande gestehen, daß ihm das nicht wenig imponiert, und denkt plötzlich, was er nie von sich gedacht hätte: Gelegenheit macht Räuber, fast wünscht er sich, er wäre dabeigewesen. Und an dieser Stelle, endlich, erschrickt er denn doch über die Abgründe, die sich beim Blick in die eigene schwarze Seele auftun, und über das Ausmaß an krimineller Energie im eigenen Fleisch und Blut.