Was wir über die Wikinger aus den Heldenliedern wissen, aus der nordischen Saga-Literatur, den norwegischen und isländischen Sögur und Skaldengedichten, das sind spätere Idealisierungen, erst lange nach der Wikingerzeit fixiert. In diesen Dichtungen und seither in der allgemeinen Vorstellung, die vor allem unter Deutschen verbreitet ist, leben die Wikinger als tapfere Helden, als edle Krieger und mutige Abenteurer, ehrgeizig und ehrbewußt, immer zum Kämpfen und freilich auch zum Töten bereit, doch kämpfen und töten sie in den Heldenliedern stets nur aus verletzter Ehre, die es im ehrlichen Kampf wiederherzustellen gilt. Mit wirklichen Wikingern, die in der Zeit vom 9. bis ins 11. Jahrhundert mit ihren schnellen, hochseetüchtigen, wendigen Schiffen die Meere und die Flüsse beherrschten, hat das wenig zu tun. In Wirklichkeit waren Wikinger weniger von Fernweh getriebene Abenteurer als brutale Seeräuber, Plünderer, Brandstifter und Menschenräuber.

Das gilt jedenfalls für einen großen Teil der Wikinger, vielleicht für die meisten. Von Skandinavien machten sie ihre Raubzüge nach England, Irland, Frankreich, um Spanien herum durch das Mittelmeer nach Italien. Im Norden, wo sie bei dem heutigen Schleswig ihren großen Hafen und Warenumschlagplatz Haithabu hatten, fuhren sie über die Ostsee nach Polen und Rußland, die Flüsse hinauf weit ins Land hinein. Ebenso machten sie es in Deutschland: Sie fuhren den Rhein, die Weser, die Elbe und die Oder aufwärts, sie überfielen die Städte, raubten, brandschatzten, zerstörten.

Jahrhundertelang waren die „Salzwasserbanditen“, die „Hornissen“, die „schrecklichen Wölfe“, die „Nordmänner“ in ganz Europa, das damals noch ungefestigt war, eine der schlimmsten Plagen. Um 860 schrieb ein Mönch auf der Klosterinsel Noirmoutier in der Loire-Mündung, die schon 35 Jahre zuvor von Wikingern geplündert worden war: „Die Zahl ihrer Schiffe nimmt zu. Der endlose Strom der Wikinger hört nie auf zu wachsen. Überall sind die Christen Opfer von Massakern, Brandstiftungen und Plünderungen, und niemand widersteht ihnen ... Paris, Beauvais und Meaux sind erobert, die starken Befestigungen von Melun sind völlig zerstört, Chartres erobert, Evreux und Bayeux geplündert und jede Stadt belagert.“

Sie traten immer sicherer auf, sie stellten Bedingungen, die auch erfüllt wurden. Nachdem sie im Jahre 845 Paris erobert hatten, zahlte Karl der Kahle ihnen 7000 Pfund Silber, damit sie wieder abzogen. Noch ein dutzendmal mußten die Franzosen solche Friedensgelder aufbringen, um wenigstens für kurze Zeit Ruhe zu haben.

Auch die Engländer konnten sich nur auf diese Weise vor weiteren Plünderungen schützen. „Nie zuvor ist solch ein Schrecken über Britannien hereingebrochen, wie wir ihn nun von den Heiden erleiden mußten, und nie zuvor hat man gedacht, daß ein solcher Überfall von See her geschehen könnte...“, schrieb der englische Gelehrte Alcuin dem König von Northumbrien schon um 800. Fast zwei Jahrhunderte später, 991, kam Olaf Tryggvason mit einer Flotte von 93 Schiffen und erklärte: „Für Gold sind wir zum Waffenstillstand bereit.“

Zehntausend Pfund jährlich opferten die Engländer von da an. Aber der Frieden wurde rasch teurer. Im Jahr 1012 mußten bereits 48 000 Pfund gezahlt werden. Die Wikinger, die auch deutsche Städte plünderten – 845 Hamburg, 881/82 Neuss, Köln, Bonn, Trier und andere –, waren unersättlich.

Es muß korrigierend hinzugefügt werden, daß von „den“ Wikingern immer nur unter Vorbehalt gesprochen werden darf; „die“ Wikinger hat es eigentlich nicht gegeben. Das heißt, es gab keine einheitliche, organisierte, große geschlossene Volksgruppe; es gab über mehrere Jahrhunderte hinweg immer neue Gruppierungen, stets zur selben Zeit verschiedene Gruppen und Arten, unterschiedlich auch in der Sprache und in ihren Zielen. Viele wurden seßhaft, etwa in Irland, in der Normandie, in Süditalien, vorübergehend auf Grönland und sogar in Nordamerika. Viele traten zum Christentum über. Einige wurden romanisiert, bildeten Staaten. Und viele fuhren immer nur als Händler; sie handelten mit Pelzen, Häuten, Wetzsteinen, Walroßzähnen, mit Eisen und Speckstein, mit Weizen, Wollwaren, Zinn, Silber, Honig, mit Salz, Wein, Glaswaren, Waffen und Tuchen, eigentlich mit allem, was gebraucht wurde.

Aber auch dies klingt friedlicher, als es sich in der Praxis darstellte. Denn das Hauptgeschäft bestand im Handel mit Menschen, mit Sklaven. Diese Menschen wurden unterwegs gefangen, vor allem in den Slawen-Gebieten östlich der Elbe. Verkauft wurden sie an die Araber; die sehr viel kultivierteren und zivilisierteren Araber hatten einen enormen Bedarf an Sklaven, und sie besaßen sehr viel Silber. Haithabu war immer auch einer der größten Sklavenhandelsplätze Europas.