Von Hans Kasdorf!

In seinem Buch „Amerika – Die Neue oder die Alte Welt?“ läßt der Tübinger Ethnologe Werner Müller die These, die Indianer seien während der Eiszeit über die Beringstraße nach Amerika gewandert, fragwürdig erscheinen. Die Kulturgeographie Eurasiens spricht dagegen. Der gewaltige sibirische Raum hält die Landmasse der nördlichen Erdkalotte nach Osten und Westen auseinander. So taucht die steinzeitliche Keramik der Neuen Welt nicht etwa in Sibirien auf, sondern erst in Osteuropa. Ebenso geht es mit der Fußbekleidung des Mokassin, mit dem Fellhemd des Poncho, den Zeltarchitekturen, der Schwitzhütte und zahlreichen weiteren Elementen. Wie ein Klotz liegt Sibirien zwischen Amerika und Europa und trennt sie.

Müllers Trumpf ist die Verwandtschaft der neuweltlichen mit den altweltlichen, und zwar alteuropäischen Kulturen. Hier steuert die Neue Welt Einzelheiten bei, die manchem Leser von der europäischen Seite her vertraut sind, die aber in ihrer amerikanischen Fassung Neuigkeiten darstellen.

Erstaunlich ist die Sicherheit, mit der Müller viele Forschungen des vergangenen Jahrhunderts als unglaubwürdig erweisen kann. Er kehrt die Strömung um: Das steinzeitliche Europa empfängt kulturelle Anstöße aus Nordamerika. Sollten die Darlegungen Zustimmung finden, wäre das der Umsturz des archäologischen Weltbildes –

Werner Müller: „Amerika – Die Neue oder die Alte Welt“; Dietrich Reimer Verlag, Berlin, 1982; 238 S., 38 Tafeln, 3 Karten, 48,– DM.

Die ohne Vorbereitung auftauchenden Blattspitzen des Aurignacien, die von dem Prähistoriker Alfred Rust erfolgreich bearbeiteten „eskimonisehen“ Lebensformen des Hamburger Tunneltals, das Auftreten des kanadischen Rens in Nordwesteuropa statt des sibirischen – um einiges zu nennen – verlangen nach einem kürzeren Weg als die zehntausend Kilometer durch Sibirien. Anthropologisch stützt sich Müller auf die Arbeiten des Amerikaners C. S. Coon, der betont, daß die ältesten Schädel- und Skelettfunde der Vorfahren der heutigen Europiden in der Nordwestecke des Kontinents erscheinen.

Die amerikanischen Kontinente bieten Ethnologen seit langem manches Rätsel. Mögliche transatlantische Verbindungen und die steigende Tendenz „europäischer“ Funde an der Ostküste tragen dazu bei. Brasilianische Zeitungen haben kürzlich von einem Fund antiker Amphoren berichtet, die bei Rio von Tauchern entdeckt wurden. Die Masse der Gefäße, über ein Areal von zwei Tennisplätzen verstreut, erschwert den Gedanken an Fälschungen. Die Form der Fundstücke soll auf das 2. Jahrhundert vor Christus verweisen. Hier könnte ein Ergebnis herauskommen, noch handfester als phönizische Inschriften im Amazonasgebiet, megalithische Denkmäler in Neu-England und Runeninschriften in Minnesota.