Von Barbara Lehnig

Sprachreisen sind zwar nur ein kleines Gebiet auf dem weiten Feld des Fremdenverkehrs, doch innerhalb des Jugendtourismus nehmen sie eine durchaus beachtliche Stellung ein. Etwa 120 000 Sprach-Bildungshungrige reisen jedes Jahr ins Ausland, ein Drittel davon in französischparlierende Gebiete, zwei Drittel in Länder englischer Muttersprache. Die Zahl der sprachbildungsbeflissenen Erwachsenen ist nicht einmal schätzungsweise bekannt. Fest steht nur, daß sie wächst, während die der Schüler und Jugendlichen stagniert. Der Fachverband Deutscher Sprachreise-Veranstalter e. V. (FDSV) rechnet für die nächste Zukunft sogar „mit einem sehr, sehr starken Rückgang, weil die Zahl der deutschen Jugendlichen und Sekundarschulbesucher bis 1990 um über 40 Prozent zurückgehen wird“.

Um so intensiver gehen die Sprachreise-Organisatoren das Gebiet fremdsprachlicher Weiterbildung im Ausland für Erwachsene an, zumal diese Interessenten auf dem direkten Weg der Annonce zu erreichen sind und die gesetzlich verbotene, in der Praxis aber mit bis zu 20 Mark pro Kunde honorierte Schulwerbung über die Schülermitverwaltungen und einzelne Lehrer als Konflikt entfällt.

Das linguistische Angebot für Erwachsene hat in letzter Zeit an Umfang und Inhalt erheblich zugenommen. Italienisch in der Toskana zu lernen, ist zur Mode geworden. Sogenannte Randsprachen wie Portugiesisch und Türkisch finden mehr und mehr Interesse. Neben den gewohnten Sprachreisezielen gewinnen Spanien, Mexiko, vor allem Japan und die arabischen Länder an Bedeutung. Selbst in Australien werden derzeit auf dem deutschen Markt Englischkurse angeboten. Die USA konnten ihren Marktanteil zwar halten, nachdem das englische Pfund wieder erschwinglich und der Dollar immer noch teuer ist, sind England, Irland, Schottland und auch Malta wieder stärker im Rennen.

Für berufstätige Erwachsene der verschiedensten Sparten gibt es derweil Fremdsprachen-Intensivkurse im Ausland. Das Angebot umfaßt berufsbezogene Handelssprachen in fast allen europäischen und exotischen Idiomen und bietet auch Spezialkurse wie ein Training für Elektronische Datenverarbeitung oder medizinisch-pharmazeutische Arbeitsbereiche, wobei Grundkenntnisse der Fremdsprache Voraussetzung sind.

Solche Kurse sind im Gegensatz zu allgemeinen Sprachreisen von der Steuer abzusetzen, weil sie der „beruflichen Fort- und Weiterbildung“ dienen. Das ist vor allem für Selbständige interessant. Sicherheitshalber sollte man sich die Entscheidung des örtlichen Finanzamtes jedoch vorher einholen, denn diese Behörden handhaben die Anerkennung von Sprachkursen als Sonderausgaben recht unterschiedlich. In jedem Fall bedarf es des Nachweises der „Berufsbedingtheit“ einer solchen Fortbildungsreise. Das gilt auch für den Bildungsurlaub, auf den Berufstätige in den Bundesländern Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen und Niedersachsen gesetzlich geregelten Anspruch haben. Niedersachsen bezieht auch jugendliche Arbeitnehmer in diese Form der Weiterbildung bei garantierter Lohnfortzahlung ein. Wer in einem der Bundesländer ohne gesetzlich geregelten Anspruch auf Bildungsurlaub – in der Regel sind das zehn Tage je Jahr – als Arbeitnehmer wohnt, hat die Chance, über anerkannte Landesorganisationen der Erwachsenenbildung finanzielle Förderung für seine Sprachreise zu erhalten. ABI in Stuttgart (siehe Adressenliste) gibt nähere Auskünfte über Antragsverfahren und die knapp 300 „anerkannten Träger anerkannter Bildungsveranstaltungen

Linguistische Lernferien haben nichts mit Massentourismus zu tun. Die einzelnen Veranstalter betreuen selten mehr als fünftausend Kunden im Jahr. So entsteht ein harter Konkurrenzkampf um die 120 000 Teilnehmer. Die vielbeschworene Transparenz des Angebots hat sich dennoch nicht durchgesetzt. Wie ein Ei dem anderen gleichen sich die Katalogtexte, wenn es um die „qualifizierten“ Lehrer geht, die „sorgfältig ausgesuchten“ und „regelmäßig überprüften“ Gastfamilien, die „attraktiven“ Freizeitbeschäftigungen.