Von Theo Sommer

Zuweilen, wenn man ihn in den Revieren beobachtet, wo sich die Herren „Callgirls“ tummeln, wie Arthur Koestler sie genannt hat, die internationalen Konferenz-Löwen, Debatten-Tiger und Symposium-Schakale, wirkt er ein wenig verloren: eine schmächtige Gestalt, behangen mit einem uralten Rohseidenjackett, Mitbringsel von einer Vortragsreise durch Indien, das Cocktailglas unruhig in der Hand drehend, mit flinken Augen nach einem Gesprächspartner ausspähend. Dann kann er, ein Schandmaul von hohen Graden, spitzbübisch den Gastgeber bewitzeln. Oder er stürzt sich Knall auf Fall in ein intellektuelles Gefecht, wobei er virtuos mit seinem Drink, den unvermeidlichen Appetithappen und seinen Argumenten jongliert.

Aber wenn Richard Löwenthal sich dann in der Konferenzrunde zu Wort meldet oder – ohne einen einzigen Notizzettel in der Hand – ans Pult tritt, erstirbt alles Gemurmel. Dann weiß jeder: Jetzt spricht einer der großen Geister unserer Zeit, ein unbestechlicher Analytiker, ein scharfer Denker, ein geschliffener Redner, dem zuzuhören reiner Genuß ist. Ob er deutsch redet oder englisch, sein Vortrag ist von kristallener Klarheit. Und welches seiner vier Hauptthemen er auch behandelt, Weltpolitik, Totalitarismus, Theorie des demokratischen Sozialismus oder die Kulturkrise der Gegenwart – stets wird hinter dem gedachten Gedanken ein eindrucksvolles gelebtes Leben sichtbar.

Es ist ein Leben von ungewöhnlicher Spannweite. In den späten zwanziger Jahren war Löwenthal Reichsleiter der Kommunistischen Studenten Deutschlands – in den frühen achtziger Jahren redete er als Nestor und Mentor der deutschen Arbeiterbewegung seinen sozialdemokratischen Freunden ins Gewissen, sich klar für die arbeitsteilige Industriegesellschaft und gegen die Randgruppe der Aussteiger zu entscheiden. Vor fünfzig Jahren lebte er im illegalen Untergrund Berlins – heute ist er das Aushängeschild des geistigen Deutschland; ein Mann, dessen Rang dem Raymond Arons in Frankreich oder Stanley Hoffmanns in Amerika vergleichbar ist; ein maître-intellectuel; ein Kopf, der unsere Zeit nicht kraft Amtes, wohl aber vermöge seiner denkerischen Lebendigkeit mitgeprägt hat.

Richard Löwenthal, den seine Freunde „Rix“ nennen, hat nach eigenem Bekenntnis drei Heimaten gehabt: die deutsche Arbeiterbewegung, England im Kriege und den Westen als kulturelle Einheit; und drei Berufe: erfolgloser Berufsrevolutionär, erfolgreicher Journalist, schließlich – seit 1961 – Hochschullehrer.

„Ich bin ein Kind der Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus in seinen verschiedenen Formen“, sagt er von sich. Als junger Mensch wurde er Kommunist. Er opponierte jedoch bald dagegen, daß die KPD die Sozialdemokraten zum Hauptfeind stempelte, nicht die Nazis, und wurde ausgeschlossen („Koestler trat 1931 in die Partei ein, um die dreckigen Dinge mitzumachen, deretwegen ich 1929 ausgetreten bin“). Marxist blieb er gleichwohl. In Heidelberg promovierte er über „Die Marxsche Theorie des Krisenzyklus. Versuch einer Gesamtdarstellung.“

Als Hitler an die Macht kam, schloß sich Löwenthal einer illegalen Gruppe an. Sie hielt nicht viel von Flugblattaktionen, sondern bereitete sich lieber auf den Tag vor, da der braune Spuk vorüber sein würde; „Neu Beginnen“ war der bezeichnende Name. Er war arbeitslos und schlug sich durch, indem er Dissertationen für andere verfaßte, auch ein Buchkapitel für einen ausländischen Diplomaten. Nach einem ersten Verhör ging er 1935 nach Prag und übernahm das dortige Büro der Gruppe. Über Paris kam er dann gerade noch rechtzeitig Vor Kriegsausbruch nach London. Dort machte er Bekanntschaft mit den SPD-Emigranten Erich Ollenhauer, Waldemar von Knoeringen, Erwin Schoettle, Fritz Heine, kämpfte gegen den Deutschenhasser Vansittart, arbeitete mit an Programmen für die Nachkriegszeit. Unter seinem Emigrationspseudonym Paul Sering veröffentlichte er 1946 die Schrift „Jenseits des Kapitalismus“. Noch fühlte er sich als Marxist, wenngleich nicht als orthodoxer Marxist. „Ich würde mich heute nicht mehr so beschreiben“, bekannte er 1977 in einer Neuauflage.