Wenn sie nicht zahlt, ist das Schicksal der fortgeschrittenen Atomreaktoren besiegelt.

Heinz Riesenhuber, der als Optimist im Leitstand des Bonner Forschungsministeriums seinen Einstand gab, scheint alles in allem auch noch außerordentlich couragiert zu sein. Nach dem jüngsten Bericht seines Hauses über Stand und Aussichten der beiden ebenso fortgeschrittenen wie umstrittenen Reaktorlinien empfiehlt der Minister nun ihre Fertigstellung. Nur ein kleiner Teil des Mutes dürfte dem Umstand zuzuschreiben sein, daß der sogenannte Parlamentsvorbehalt gegen die spätere Inbetriebnahme des Schnellen Brüters vom Tisch ist und daß die neue Regierungsmehrheit im Bundestag ziemlich geschlossen für die Kernenergie in jeder Form eintritt. Politisch ist der Forschungsminister mit seiner Empfehlung also abgesichert.

Sonst ist vieles sehr ungewiß. Dabei gehört die Frage, ob der Schnelle Brüter in Kalkar, in Energiebereich eine Art perpetuum mobile, das Nuklearbrennstoff verströmt und dabei noch neuen Brennstoff erzeugt, je funktionieren wird, noch zum geringsten Risiko. Das gleiche gilt für den Hochtemperaturreaktor in Schmehausen, von dem man die Produktion von Elektrizität und Prozeßwärme erwartet. Jede neue Technologie birgt bei der Erprobung im großtechnischen Maßstab auch das Risiko des Scheiterns, Das aber ist nicht dem Politiker anzulasten.

Viel problematischer ist, daß der jüngste Reaktorenbericht Notwendigkeit und Dringlichkeit der beiden zu 70 bis 80 Prozent fertiggestellten Reaktortypen heute „wesentlich geringer“ einschätzt als noch vor Jahren. Das aber ist nur eine vornehme Umschreibung für die Gewißheit, daß mit einem kommerziellen Einsatz beider Nuklearlinien auf lange Zeit nicht gerechnet werden kann. Wenn der Forschungsminister dennoch für die Fertigstellung der Reaktoren plädiert, dann ist das eine mutige Entscheidung für ein neues technologisches Spielzeug, welches den Vorzug hat, daß an ihm eine Menge Nützliches gelernt werden kann, um es später einmal, wenn nötig, zu verwerten. Aus dieser Sicht ist Riesenhubers Empfehlung durchaus zu rechtfertigen.

Der Pferdefuß liegt indes im Preis des teuren Spielzeugs. Von einst 1,5 bis zwei Milliarden Mark kletterten die Kosten auf rund elf Milliarden Mark. Mismanagement, Verzögerungen und zusätzliche Sicherheitsauflagen führten dazu, daß inzwischen eine Finanzierungslücke von rund drei Milliarden Mark entstand. Hörte man jetzt mit den Bauten auf, so bliebe eine Ruine von mindestens vier Milliarden Mark – soviel wurde bislang ausgegeben. Vermutlich wäre die Ruine aber acht Milliarden Mark Mark denn für weitere vier Milliarden bestehen bindende Verpflichtungen, die eingeklagt werden könnten. Immerhin könnte der Forschungsminister zum gegenwärtigen Zeitpunkt verhindern, daß noch weitere drei Milliarden in die Spielzeug-Projekte investiert werden, wobei das Finanzierungsdefizit von drei Milliarden nur eine untere Grenze dessen ist, was bekannt ist. Die Wahrheit liegt längst bei fünf Milliarden.

Hätte Riesenhuber viel Geld, wäre der Preis für die neuen Energie-Technologien zu verkraften, ob nun drei oder fünf Milliarden. Doch er hat kein Geld, er muß sogar mit neuerlichen Etatkürzungen für 1984 rechnen. Für Forschungsarbeiten auf anderen Gebieten, die wegen des damit verbundenen Arbeitsplatzpotentials wichtiger sind, wird es jedenfalls dann keine Mittel mehr geben, wenn der Brüter und sein Bruder von Riesenhuber voll durchfinanziert werden müssen. Vor diesem finanziellen Hintergrund grenzt die Empfehlung „fertigstellen!“ wohl eher ans Tollkühne,

Aber vielleicht hat Heinz Riesenhuber nur ganz einfach den Mut, sich selbst treu zu bleiben. Das hieße, daß er die Industrie-Hersteller, Betreiber und zukünftige Nutzer der neuen Nuklearlinien – zur Mitfinanzierung der Deckungslücke heranzieht. Riesenhuber vertritt seit langern die Ansicht, daß die Industrie sich auch an risikoreichen Großprojekten der Forschung erheblich mehr beteiligen muß als bisher. Im konkreten Fall verlangt der Minister mindestens 1,5 Milliarden Mark sowie die volle Verantwortung für weitere Preissprünge. Bei diesen Voraussetzungen reduziert sich Riesenhubers Mut zur Fertigstellung auf ein erträgliches Risiko.