Von Barbara Ungeheuer

Selbst die Bagel, sonst goldbraune Unterlage für „creamcheese und Lox“, der jüdischen Frühstücksspezialität, waren an jenem Tage grün. So auch die Nelkenköpfe fürs Knopfloch. Und wer überhaupt in Manhattan etwas auf Tradition setzt, hatte sich mit einem grünen Schlips oder einem Kleeblatt geschmückt.

Wieder einmal und wie schon seit über 200 Jahren feierte New York den heiligen Patrick und dessen irische Kinder, die Amerikas rohe Landschaft mit Erzähllust und Lager-Bier, Politikern und Dichtern, mit Grünkohl und Corned beef verfeinerten.

Aber noch nie wie heuer hat es so viel Aufregung gegeben, schon bevor sich die Dudelsackpfeifer, die Majoretten der Nonnenschulen und die Trommler der Küstenwache auf den zwei Meilen langen Paradestrich, entlang der Fifth Avenue, begaben. Grund für die Kontroverse, die die Gemüter von Politikern und Kirchenvätern gleichermaßen erregte, war ein 81 Jahre alter Mann. Michael Flannery, noch immer das Feuer des Freiheitskämpfers im hellblauen Auge, hatte sich auch noch nach seiner Wahl zum Großmarschall der Parade öffentlich zur IRA bekannt. Als Geldgeber der irischen Provos hatte er im Vorjahr gar vor Gericht gestanden. Seinen Freispruch verdankte er einer Verbindung zwischen IRA und CIA, über deren Natur seither in Washington peinliche Schweigepflicht herrscht.

Noch am Vorabend der Parade fiel Flannery vor den Fernsehkameras New Yorks Altgouverneur Hugh Carey ins Wort und erinnerte ihn daran, daß schließlich die Iren in ihrer ganzen Geschichte bei den Engländern gewaltlos noch nie etwas erreicht hätten.

In einem Land, in dem Doppelloyalität noch oft über die erlaubte Nostalgiescnwelle tritt, fühlten die irischstämmigen Politiker sofortigen Druck, den amerikanischen Standpunkt zum Irlandproblem klarlegen zu müssen: Ein Boykott der Parade sei erste Bürgerpflicht. Dublin leistete Schützenhilfe, denn auch das offizielle Eire hatte auf seine traditionelle Paradendelegation verzichtet. Doch was der Senatoren Daniel Patrick Moynahan und Edward Kennedy, auch des Präsidenten Leid, war für den jüdischen Bürgermeister Ed Koch und für den italo-amerikaniscnen Gouverneur Mario. Cuomo eine echte Freud. Sie marschierten hinter Michael Flannery, Koch gar vom irisch Selbstgestrickten warm gehalten, und genossen ihren konkurrenzlosen Auftritt vor dem irischen Wahlvolk, das trotz des Stadtverordneten Alkoholverbots und der vorausgegangenen Kontroverse hunderttausendfach gekommen war.

Blieb es wieder einmal der Kirche überlassen, zwischen Absolution und Bulle einen gängigen Weg zu finden. So entschied Terence Kardinal Cooke, der Domherr von St. Patrick an der Fifth Avenue, der Parade wie eh und je beizuwohnen, doch erst, nachdem Großmarschall Flannery längst am neogotischen Kirchenportal vorbeimarschiert war.