Die internationale Verschuldungskrise und ihre Folgen für die deutsche Kreditwirtschaft

Von Rudolf Herlt

Die Deutsche Bank hat in ihrer Bilanz für 1982 schätzungsweise 1,6 Milliarden Mark für die erkennbare und nichterkennbare Risikovorsorge zurückgestellt, die Dresdner Bank rund 850 Millionen Mark und die Commerzbank 700 Millionen (die Hälfte stammt aus der Auflösung stiller Reserven bei Grundstücksverkäufen). Sie haben getan, was sie konnten, um Verluste aus Kreditgeschäften auszugleichen und für drohende Verluste aus Geschäften mit zahlungsunfähigen Schuldnern entsprechende Erträge zurückstellen zu können. Nur endgültige Verluste müssen ausgebucht werden. Solange der endgültige Verlust nicht feststeht, die Gefahr aber groß ist, daß er eines Tages eintritt, müssen im Interesse der Bilanzwahrheit Wertberichtigungen oder Rückstellungen vorgenommen werden.

Die Risikovorsorge war in dieser Höhe möglich, weil 1982 wie alle Rezessionsjahre ein außergewöhnlich gutes Betriebsergebnis brachte. Es gab nur wenige Jahre in der Nachkriegsgeschichte der drei Großbanken, die vom Ertrag her den Vergleich mit 1982 aushalten. Wenn trotzdem nur die Deutsche Bank die Dividende erhöht, die Dresdner Bank bei der kleinen Dividende des Vorjahres bleibt und die Commerzbank noch einmal auf Ausschüttung verzichtet, dann wird deutlich, daß das Jahr 1982 auch eine außergewöhnliche Kehrseite hatte: eine Häufung von Risiken im In- und Ausland.

Risiken sind die Folgen unvollkommener Informationen über die Zukunft. Die seit 1979 anhaltende Weltrezession hat ihre Spuren hinterlassen – bei den vielen kleinen und mittleren Pleiteunternehmen, deren Chefs den Gang zum Konkursrichter antreten mußten; bei AEG-Telefunken, die mit ihren Vergleichsverfahren den Anschlußkonkurs durch einen sechzigprozentigen Forderungsverzicht der Lieferanten und der Banken vermieden hat; in Polen und anderen Staaten des Ostblocks; in den ölimportierenden Entwicklungsländern, aber auch in Schwellenländern wie Brasilien und Argentinien und ölexportierenden Ländern der Dritten Welt, allen voran Mexiko.

Die Zahlungsunfähigkeit einzelner Kreditschuldner ist für Banken nichts Neues. Neu war 1982 allenfalls die Häufung der Fälle. Eine neue Dimension haben aber die Bankbilanzen durch die Jahre zurückliegende Entscheidung der Bankvorstände bekommen, ins grenzüberschreitende Geschäft einzusteigen, das nicht mehr der klassischen Handelsfinanzierung diente: Deutsche Banken gaben reine Finanzkredite an ausländische Staaten, deren Staatsbanken und Staatsunternehmen.

Damit haben sie sich zu den vielen Risiken, mit denen Bankiers leben müssen (die Bonität der Schuldner, Schwankungen der Wechselkurse, Zinsänderungen, ungleiche Laufzeiten der hereingenommenen Gelder und der damit finanzierten Ausleihungen) ein neues aufgeladen: das Ländernsiko. Die Bankvorstände konnten nämlich zwei Fragen nicht zureichend beantworten. Erstens: Können alle Schuldner im Ausland bei Fälligkeit ihre Schulden zurückzahlen? Zweitens: Ist das Land, in dem der Schuldner seinen Sitz hat, in der Lage, die notwendigen Devisen für Zinsen und Tilgungen aufzubringen?