Von Lore Ditzen

Wenn es nicht die Touristenbusse gäbe, gelegentliche Sitzungen von Bundestags-Ausschüssen und die leeren Rasenflächen, auf denen sich sonntags die Fußballer tummeln, so wäre der Deutsche Reichstag heute vergessen. Er hat nichts mehr zu tun. Womit er einmal zu tun hatte, zeigt im verbauten Inneren eine Ausstellung die für offizielle Besuchsgruppen fast obligatorisch ist: „Fragen an die Deutsche Geschichte“. Die haben im Lauf der Jahre rund vier Millionen Besucher gesehen. Aber dennoch wirkt das massige Gebäude mit dem unzugänglichen Rampen-Entree verwaist.

Manchmal geht Michael S. Cullen dahin und umfaßt es mit liebendem Blick. Vor seinem Auge gewinnt es neue Gestalt: die eines silbrig glänzenden riesigen Überraschungspakets, dessen Verschnürung nur darauf wartet, gelöst zu werden. Der Amerikaner hat zu Hause eine der Zeichnungen, die der Verpackungskünstler Christo für die Verhüllung entwarf.

Da sie bislang nicht zustande kam, hat er den aus Tausenden von gedruckten, geschriebenen und photographierten Fundstücken bestehenden Inhalt nun selbst verpackt, leicht transportabel und konsumierbar; in diesen Tagen erscheint sein Buch „Der Reichstag – Geschichte eines Monuments“ (Verlag Frölich und Kaufmann, Berlin). Die Baugeschichte des ersten europäischen Parlament-Neubaus wurde zum unterhaltsamen politischen Zeitpanorama. Vor zwanzig Jahren kam Michael S. Cullen, Amerikaner polnisch-jüdischer Abkunft, zum ersten Mal an die Spree. Heute rühmt ihn die Publizistin Ursula von Kardoff als einen der besten Berlin-Kenner.

Als der Amerikaner sich 1967 endgültig in Berlin niederließ, wollte er eigentlich Geschichte und politische Wissenschaften studieren; doch Freunde drängten ihn zur Kunstvermittlung. Mit sicherem Sinn für Neuigkeits- und Qualitätswerte moderner Kunst – wenngleich geringer Begabung zu finanziellen Langzeiterfolgen – improvisierte er seine kleine, schnell angesehene „Galerie Mikro“ in einem Charlottenburger Keller.

Erst eine strikte Absage aber erzeugte in dem Wahlberliner aus New York die Beharrlichkeit, die ihn heute glücklich sagen läßt: „Ich hab’ eigentlich Stoff für den Rest meines Lebens.“ Das anregende „Nein“ wurde 1977 vom damaligen Bundestagspräsidenten Karl Carstens gesprochen. Es setzte den durch das Wohlwollen seiner Vorgängerin Annemarie Renger schon gut genährten Hoffnungen auf die Erlaubnis zu befristeter Verhüllung des Berliner Reichstages durch Christo ein vorläufiges Ende. Mike Cullen hatte da schon ein paar Jahre lang für das Projekt geworben, und er hing daran, denn er hatte es auch erfunden. Der Einfall kam dem agilen Mann 1971, als er Berichte und Bilder von Christos Aktion „Valley Curtain“ sah. Spontan schickte Cullen eine kleine Anfrage per Postkarte mit Reichstag-Motiv nach Amerika: „Wollen Sie den nicht verpacken?“ Christo schrieb zurück: „Ja. Besorgen Sie mir die Genehmigung. “

Was hat Cullen auf die Idee gebracht? „Die Verknüpfung von Kunstaktion und Geschichtsinteresse“, sagt er, „die Möglichkeit, über einen solchen spektakulären Prozeß viele Meinungen herauszufordern.