Der Bürgerkrieg war eben erst beendet und die Epoche der "Neuen ökonomischen Politik" hatte begonnen, da veröffentlichte Leo Trotzki (1923) sein revolutionärstes und utopischstes Buch unter dem Titel "Literatur und Revolution". Für den Leser von heute, der sich nicht speziell für die damals zeitgenössische russische Literatur und ihre Stilrichtungen interessiert, sind in erster Linie die letzten drei Kapitel von Belang. In ihnen diskutiert Trotzki die Frage "Gibt es eine proletarische Kultur?" und welche Folgen die Revolution dereinst für das Verhältnis von Kunst und Alltagsleben haben wird.

Eine "proletarische Kultur", so lautet Trotzkis apodiktische Antwort, gibt es nicht und wird es auch nie geben. Konsequent im Geiste von Marx argumentiert er: Je vollständiger das neue Regime gegen politische und kriegerische Erschütterungen abgesichert sein wird, je günstiger sich die Bedingungen für kulturelles Schaffen gestalten werden, um so mehr wird sich das Proletariat in der sozialistischen Gemeinschaft auflösen, sich von seinen Klassenmerkmalen befreien, das heißt also, nicht mehr Proletariat sein. Mit anderen Worten: In der Epoche der Diktatur kann von der Schaffung einer neuen Kultur... keine Rede sein; und jener mit nichts früherem vergleichbare kulturelle Aufbau, der einsetzt, wenn die Notwendigkeit der eisernen Klammern wegfällt, wird schon keinen Klassencharakter mehr tragen".

Wie wird nun die Kunst der Revolution aussehen? "In einem weiten philosophischen, nicht aber im schulmäßigen Sinne wird die neue Kunst – so Trotzkis Auffassung – realistisch sein", da "Revolution und Mystik sich nicht vertragen". Von diesem Realismus sagt Trotzki, daß er "den Gefühlen und Bedürfnissen verschiedener Gesellschaftsgruppen Ausdruck verliehen" habe und "das mit recht verschiedenen Methoden". Sie alle hätten nur eins gemeinsam, "den Drang zum Leben, so wie es ist; kein Ausweichen vor der Wirklichkeit, sondern ihre künstlerische Bejahung, aktives Interesse an ihr, an ihrer konkreten Beständigkeit oder Veränderlichkeit, das Bestreben dieses Leben – entweder so darzustellen, wie es ist, oder es zur Perle der Schöpfung zu erheben, es entweder zu rechtfertigen oder zu verdammen, entweder zu photographieren oder zusammenzufassen oder zu symbolisieren – immer aber gerade dieses Leben in unseren drei Dimensionen als ausreichende, vollwertige, und eigenwertige Materie für die schöpferische Gestaltung anzuerkennen". Mit einer solchen weiten Definition des Realismus wäre’sicher auch Bertolt Brecht einverstanden gewesen, der gegen die engherzige Auffassung des sogenannten "sozialistischen Realismus" mit seinem Essay über "Weile und Vielfalt der realistischen Schreibweise" sich zur Wehr gesetzt hat.

Die historische Bildung des Revolutionärs Trotzki und sein Sinn für die sozialistische Utopie wird bei seiner Diskussion der Tragödie und ihres künftigen Schicksals deutlich. In der antiken Tragödie, meint er, spiegelte "der Glaube an ein unabwendbares Schicksal die engen Grenzen wider, die der antike Mensch mit seinem klaren Gedanken und seiner armen Technik nicht überwinden konnte". Das Mittelalter sei vor der Tragik der menschlichen Existenz durch ein System "der doppelten Buchführung" entflohen. Die Leidenden wurden mit einem Wechsel auf die jenseitige Zukunft nach dem Tode vertröstet: "Die Herrschenden unterschrieben, die kirchliche Hierarchie trat als Bürge auf und die Geknechteten beabsichtigten im Jenseits abzurechnen".

Der Aufstieg des Bürgertums, der in der Reformation seinen Ausdruck findet, und die Dramen Shakespeares, die erst auf dieser Basis möglich wurden, führte dazu, daß "die religiösen Symbole der Kunst sich von der himmlischen Nabelschnur trennten und begannen, auf den Kopf gestellt, in der unsicheren Mystik des individuellen Bewußtseins Halt zu suchen". So seien die "individuellen menschlichen Leidenschaften", die über den Kopf der Individuen hinauswachsen und sie in ihren Bann schlagen, die eigentlichen Protagonisten der Shakespeareschen Dramen: "die Eifersucht Othellos, der Ehrgeiz der Macbeth, die Habgier Shylocks, die Liebe zwischen Romeo und Julia, der Hochmut Coriolans, und das seelische Schwanken Hamlets" zeigen die Verwandlung von Leidenschaften in eine Art überpersönliches Schicksal. Gegenüber der antiken Tragödie, die "das Bewußtseineines ganzen Volkes ausdrückte", ist dieShakespearesche "individualistisch", dennoch aber "ein Schritt vorwärts", weil sie menschlicher ist.

Während Georg Lukács sich zuweilen fragte, ob in der künftigen klassenlosen Gesellschaft Tragödie überhaupt noch einen Platz haben werde, meinte Trotziri 1923: "Die Tragödie isolierter persönlicher Leidenschaften ist für unsere Zeit zu fade. Aber weshalb? Weil wir in einer Epoche der sozialen Leidenschaften leben. Die Tragödie unserer Epoche ist der Zusammenstoß der Persönlichkeit mit dem Kollektiv."

Der moderne Gedanke, daß die Gestaltung der Städte und der Dörfer (die durch "Agrostädte" abgelöst werden sollten) unter aktiver Mitwirkung der künftigen Bewohner erfolgen sollte, wird von Trotzki schon ausführlich diskutiert. Dabei denkt er offenbar an eine lebendige demokratische Willensbildung, die er sich anschaulich vorstellt: "Da werden sich echte Volksgruppen dafür und dagegen (den aufgestellten Plan einer Agrostad:) bilden, eigenartige bautechnische Parteien der Zukunft, mit Agitation, Leidenschaften, Meetings, Abstimmungen. In diesem Kampf wird die Architektur von neuem, aber schon auf höherer Ebene, von den Gefühlen und Stimmungen der Massen durchdrungen sein, und die Menschheit wird sich plastisch erziehen, das heißt, sie wird sich daran gewöhnen, die Welt als gefügigen Ton zum Formen immer vollkommenerer Lebensformen zu betrachten ..." Wenn sich das Zukunftsbild, das Trotzki in "Literatur und Revolution" von einer klassenlosen Gesellschaft durch einen Zug von den Ländern des "real existierenden Sozialismus" unterscheidet, so vor allem durch seine bunte Vielfalt und Lebendigkeit. In Trotzkis Utopie würde es jedenfalls nicht langweilig sein. Die von ihm erträumten Städte hätten gewiß nicht jene monumentale Imponierarchitektur und jene Zuckerbäckerornamente gekannt, die heute die Großstädte der Sowjetunion "zieren", und die Bevölkerung wäre auch nicht bloßes Objekt bevormundender Planung geworden, wie sie es seit der Stalin-Ära ist.