/ Von Nina Grunenberg

Große Ereignisse werfen ihren Schatten oft überhaupt nicht voraus. Dafür fangen sie viel zu klein an. Gisela Wild und Maja Stadler-Euler, die beiden Hamburger Anwältinnen, denen es im Verein mit dem Studenten Gunther von Mirbach in der vergangenen Woche gelang, durch eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe die Volkszählung zu blockieren, waren durchaus nicht von Anfang an auf Widerstand programmiert. So wenig wie die Mehrheit der Bundesbürger wußten sie, worum es eigentlich ging und wo die Probleme bei der Volkszählung lagen. Aber als Gisela Wild am 1. März, das Datum hat sie noch genau im Kopf, im Laufe des Nachmittags nacheinander von drei Anrufern in ihrer Praxis um Rechtsberatung wegen der Volkszählung gebeten wurde, fing sie an, sich zu wundern. Den ersten Anrufer verwies sie an einen Verfassungsrechtler der Hamburger Universität. Beim zweiten sagte sie sich: "Das ist ja komisch." Und den dritten beschied sie: "Ich werde mich darum kümmern."

Als sie am Abend nach Hause kam und ihrem achtzehnjährigen Sohn Yves, einem Oberschüler mit dem Unterrichtsschwerpunkt Informatik, erzählte, was sie erlebt hatte, meinte der: "Ich habe mich sowieso schon gewundert, daß du dich darum noch nicht gekümmert hast." Anschließend klärte er sie über die technischen Möglichkeiten der heutigen Datengroßanlagen auf und weihte sie in die intellektuellen Freuden seines Schülerlebens ein: Sein großer Ehrgeiz ist es, in Computerprogramme einzubrechen und sie zu knacken. Mit den heute zur Verfügung stehenden mathematischstatistischen Methoden, wurde Gisela Wild vom Sohn belehrt, gibt es heute keine Anonymisierung persönlicher Daten mehr, wenn nur einige wenige Angaben zur Person vorliegen. In dieser Nacht schlief die Mutter wenig, sie überlegte und wälzte Gesetzestexte.

Gisela Wild ist eine gestandene, seriöse Juristin mit einem Ruf, der durch die alteingesessene Hamburger Kanzlei, in der sie Partnerin ist, nur unterstrichen wird. Zusätzlich zu ihrem Handwerk, das sie wie jeder Mann versteht, verfügt sie noch über jenes Quentchen Vorstellungskraft, das einen Juristen erst interessant macht, mitunter auch kontrovers. Als Gisela Wild 1978 im sogenannten "Emma"-Prozeß die Klage von zehn Frauen (darunter Alice Schwarzer von der Frauenzeitschrift Emma) gegen den Stern vertrat – der, so hieß es in der Klageschrift, "suggerierte, daß Frauen verfügbar, benutzbar, ausgeliefert seien, minderwertige Wesen, also: gut zum gefälligen Reinkneifen, sei es im Büro, auf der Straße oder im Bett" –, hatte sie einige Mühe, ihre konservativen Standesgenossen davon zu überzeugen, daß sie sich der Sache zuliebe engagiert hatte und nicht ins Schaugewerbe überwechseln wollte. Das war auch deshalb kein besonders intelligenter Vorwurf, weil Gisela Wild von Natur aus alles andere als eine Selbstdarstellerin ist, die das Gericht mit wehender Robe in die Schranken fordern würde. Dazu ist sie zu scheu, zu nachdenklich und zu distanziert. Das Geheimnis ihres Erfolgs liegt eher in ihrem Spaß an der Sache: Sie kann sich engagieren und versteht es dann auch, für ihren Standpunkt zu fechten. Den "Emma"-Prozeß verlor sie übrigens – aber nicht schlecht, sondern mit juristischem Anstand, wie der Richter ihr damals ausdrücklich ins Urteil schrieb.

In apartem Kontrast dazu Maja Stadler-Euler, die zweite auf dem Juristen-Tandem, das so unaufhaltsam bis nach Karlsruhe fuhr. Während Gisela Wild die Verfassungsbeschwerde juristisch hieb- und stichfest machte, war Maja Stadler-Euler für die politische Linie verantwortlich. Sie ist die Tochter des Liberalen August Euler, der zusammen mit Theodor Heuss und Thomas Dehler die FDP gründete, und war selber fünfzehn Jahre lang im Hauptberuf FDP-Politikerin, ehe sie sich entschloß, noch ihr zweites juristisches Staatsexamen zu machen. Sie wollte ihre Freiheit, wie sie sagt, "durch einen anständigen Beruf wiedergewinnen". Damals war sie noch Fraktionsvorsitzende der FDP in der Hamburger Bürgerschaft. Wenig später verschwand die FDP von der politischen Bühne des Stadtstaates, Maja Stadler-Euler wurde Anwältin und praktiziert heute in der gleichen Kanzlei wie ihre Freundin Gisela Wild. Den Hamburgern blieb die zierliche Person, die den Sozialdemokraten in den siebziger Jahren während einer turbulenten Koalitionszeit so oft Beine gemacht hatte, als politisch begabtes und eloquentes Energiebündel im Gedächtnis. Obwohl sie kürzlich aus der FDP ausgetreten ist – nach dem Seitenwechsel ihrer Partei wollte sie nicht länger als linksliberales Ausrufezeichen in der Partei vereinsamen war sie jetzt eine natürliche Anlaufstelle für jene Bürger, die sich von der Volkszählung in ihren Grundrechten bedroht fühlten. Am gleichen Tag, an dem Gisela Wild von ratsuchenden Anrufern aufgescheucht wurde, zu Maja Stadler-Euler lief und fragte: "Kannst du mir das erklären?", saß die abends schon auf einem Podium in der Universität, um über die Volkszählung zu diskutieren.

Wenn sie heute überlegt, wie es eigentlich zu der Verfassungsbeschwerde kam, dann glaubt sie: "Auf so eine einfache Idee wäre ich gar nicht gekommen, wenn ich noch in der FDP gewesen wäre. Da war ich an die Gremienarbeit gewöhnt und hätte wahrscheinlich eine Initiative auf Kreisebene gestartet, wir hätten Anträge verabschiedet, und ich hätte an Genscher und Mischnick geschrieben. Vielleicht hätte mich Mischnick sogar angerufen, er kennt mich noch als kleines Mädchen, und wahrscheinlich hätte er gesagt: ‚Irgendwie ist ja was dran an eurer Initiative, aber wie wollt ihr das durchsetzen? So klar ist es ja auch wieder nicht. Wir haben das Gesetz doch einstimmig verabschiedet. Und wie wollt ihr eine Sondersitzung des Bundestages vor dem 27. April zustande bringen.‘ " Gremienarbeit verhindert die Bürgernähe eher als daß sie sie fördert, findet Maja Stadler-Euler heute: "Man kommt nicht mehr auf das Nächstliegende, verliert den Überblick und kann das Wichtige vom Unwichtigen nicht mehr unterscheiden."

So die Politikerin. Für die Juristin Gisela Wild war die Sache viel einfacher. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, daß die Datenerhebung nach dem Volkszählungsgesetz 1983 wegen der Vermischung von statistischen Zwecken und Verwaltungsvollzug verfassungswidrig sein mußte, war sie entschlossen, den Rechtsweg zu gehen: "Probieren wir doch, ob es legal geht", sagte sie all jenen, die sofort zum Boykott aufrufen wollten. Die Frage, die sie umtrieb, war nicht politisch, sondern juristisch knifflig: Mußten sie den "Hamburger Rechtsweg" ausschöpfen, bevor sie sich ans Verfassungsgericht wandten, oder konnten sie den direkten Weg nach Karlsruhe gehen? An diesem Problem hatten schon mehrere Juristen herumgeknackt: Alle meinten, es sei sicherer abzuwarten, bis der Fragebogen vorläge, anschließend könne vor dem Verwaltungsgericht dagegen Widerspruch eingelegt werden. Gisela Wild dauerte das zu lange. Sie fürchtete, Termine und Fristen zu versäumen.

Schon am 2. März entschlossen sich die beiden Anwältinnen, das Wagnis einzugehen und den direkten Weg zu wählen – mit dem Risiko, sich eine "blutige Nase" zu holen. In fieberhafter Eile wurden die Unterlagen zusammengesucht, der Fragebogen mußte aufgetrieben, die Gesetzesmaterialien gefunden und den Professoren mußte zugehört werden, die sie in der Sache berieten – allen voran der ehemalige Hamburger FDP-Vorsitzende und Informatik-Professor Klaus Brunnstein. Am 4. März schrieb jede der beiden ihren Teil der Beschwerde: Gisela Wild den juristischen, in dem sie sich mit der Frage der Zulässigkeit der Verfassungsbeschwerde auseinandersetzte; Maja Stadler-Euler lieferte die politische Argumentation. Dabei halfen ihr ihre Kenntnisse und Erfahrungen mit den Hamburger Krankenhausbedarfs- und Schulentwicklungsplänen, die sie einst selber mit verabschiedet hatte und von denen sie heute weiß, daß sie "zu gigantischen Fehlinvestitionen" führten. Ihr Ceterum censeo: "Es besteht die Gefahr, daß Zahlen zu Politikersatz werden."

Am Sonnabend, dem 5. März, abends um 20 Uhr, steckten die Anwältinnen – von konservativen Leitartiklern werden sie nur spitz als "die beiden Damen" tituliert – die achtzehn Seiten ihrer Verfassungsbeschwerde in den Briefkasten. "Wir haben uns", so finden beide, "unglaublich glücklich ergänzt und sind immer auf der gleichen Wellenlänge geblieben." Der Grundtenor ihrer Überlegungen war: "Es kann nicht Sinn dieser Demokratie sein, daß sich Bürger und Exekutive die Zähne zeigen, und es ist keine Schande, ein einstimmig beschlossenes Gesetz zu überprüfen und zu revidieren, wenn an seiner Verfassungsmäßigkeit jedenfalls schwere Bedenken bestehen."

Glaubten sie an einen Erfolg? Maja Stadler-Euler hatte ihre politischen Zweifel: "Ich konnte mir bei der gegenwärtigen politischen Situation durchaus vorstellen, daß das Gericht gegen uns entscheiden würde." Gisela Wild hatte keine Bedenken in der Sache, sie hatte nur Zweifel wegen der "Zulässigkeit". Von der Verfassungswidrigkeit der Volkszählung waren beide fest überzeugt.

Als die Beschwerde angenommen war, war ihre größte Furcht, das höchste Gericht werde ein Urteil suchen, das es allen Parteien recht machen und nur den Paragraphen 9 des Volkszählungsgesetzes (Weitergabe der Daten) aussetzen würde. "Das wäre eine Lösung gewesen, bei der alle Beteiligten das Gesicht gewahrt hätten", meinen die Anwältinnen, "nur der Bürger wäre der Depp gewesen. Er wäre gezählt worden, ohne zu wissen, was mit seinen Daten passiert."

In der mündlichen Verhandlung hatten sie beide zusammen für ihr Plädoyer 25 Minuten. Um die Zeit präzise auszunutzen, trainierten sie sich vorher gegenseitig mit der Stoppuhr. Auch den Anwalt des Studenten, dessen Beschwerde vom Gericht mit angenommen worden war, stimmten sie auf ihr Konzept ein: Nichts sollte doppelt gesagt werden. Jede Minute galt.

Und wie überlebten sie die Zeit bis zur Urteilsverkündung? Am Abend führte Gisela Wilds Mann, der Spiegel-Redakteur Dieter Wild, die beiden Anwältinnen in den Ettlinger "Erbprinzen" zum Essen aus. Vorsichtig versuchte er sie darauf vorzubereiten, daß die Sache auch negativ für sie ausgehen könnte. An einen Erfolg ihrer Beschwerde hat außer ihnen selber wirklich kaum jemand geglaubt.

Nach dem Urteil am nächsten Morgen brach eine Lawine über die beiden herein. Doch gab es nicht nur Glückwünsche, Blumen und Freudentränen. Für die Konservativen hatten sie einen gefährlichen Sieg über den Staat errungen, die Grünen beschwerten sich, weil sie ihnen "den Widerstand geklaut" hätten. Und viele Kollegen wetzten ihre spitzen Zungen. Die Publizität, die die beiden durch ihren glänzenden Erfolg errungen hatten, provozierte in der auf ihr Standesrecht bedachten juristischen Männerwelt erstaunlich viel hämische Kommentare über "die beiden Damen", die "lärmend hervorgetreten" sind. Ein Schelm, wer sich etwas Schlechtes dabei denkt.