Zeugenbericht eines polnischen Christen

Von Wladyslaw Bartoszewski

Meine Heimat ist Polen und meine Geburtsstadt Warschau. Im Jahre 1939 war jeder zehnte Einwohner Polens und jeder vierte Einwohner Warschaus ein Jude.

Im Oktober 1942 traf ich zum erstenmal Adolf Berman, Doktor der Psychologie und ehemaliger Generaldirektor der karitativen Kinderschutzorganisation „Centos“ im Warschauer Ghetto, dem es Anfang September 1942 (nachdem über 300 000 Juden in die Vernichtungslager deportiert worden waren) gelungen war, gemeinsam mit seiner Frau Basia, ebenfalls eine Sozialarbeiterin, das Ghetto zu verlassen. Er nahm mit der polnischen Widerstandsbewegung Fühlung. Unsere Zusammenkunft fand in einer Wohnung statt, die für konspirative Zwecke verwendet wurde und in einer stillen Gasse an der Weichsel gelegen war (Radnastraße 4). Berman repräsentierte dort verschiedene zionistische Organisationen; ich war Vertreter einer katholischen Gruppe, die unter dem Namen „Front der Wiedergeburt Polens“ arbeitete. Außerdem waren dort Leon Feiner als Vertreter des jüdischen Arbeiterverbandes „Bund“ anwesend und Julian Grobelny, ein alter sozialistischer Funktionär.

Im Dezember 1942 konstituierte sich der „Hilfsrat für Juden“ (Rada Pomocy Zydom). Für den laufenden Gebrauch wurde gleichzeitig der Deckname ZEGOTA angenommen, um in der Korrespondenz und den Gesprächen das gefahrbringende Wort „Juden“ zu vermeiden. Dieses historische Datum war der Beginn der Zusammenar- – beit zwischen Polen und Juden zu dem Zweck, eine möglichst große Zahl von Menschen vor dem Todesurteil zu bewahren, das über das ganze jüdische Volk vom nationalsozialistischen Deutschland verhängt worden war.

Dringend notwendig war das sofortige und ständige Aufspüren aller Möglichkeiten wirksamer Hilfe für die Flüchtlinge aus den Ghettos und den Todeslagertransporten, für die elternlosen Kinder und die Kranken. Nach Schätzungen des hervorragenden jüdischen Historikers Emanuel Ringelblum gab es allein in Warschau einige Zehntausend solcher Menschen.

Der im Versteck lebende Mensch mußte wenigstens über eine Geburtsurkunde, eine Arbeitskarte und eine sogenannte Kennkarte verfügen. Die Geburtsurkunden konnten leicht durch die Pfarrer beschafft werden, die zur Ausfertigung der Dokumente die Namen jener verstorbenen Personen benutzten, deren Ableben in den Pfarrbüchern nicht vermerkt worden war. Kennkarten und Arbeitskarten wurden so fabriziert: Auf den mit Hilfe von polnischen Beamten entwendeten Blankoformularen wurden ein falscher „arischer“ Name für den Juden eingesetzt.

Hilfe aus dem Ausland

Schwieriger war die Beschaffung von Wohnraum. Auf die Gewährung eines Unterschlupfes für Juden stand die Todesstrafe. Auch waren die Wohnungsverhältnisse der meisten polnischen Familien während der Okkupation überaus schlecht. Sowohl die Wohnungen der polnischen Intelligenz als auch die des Stadtproletariers waren zu allen Tages- und Nachtzeiten von Hausdurchsuchungen bedroht. Nazipolizei und SS-Abteilungen auf der Suche nach versteckten Reserveoffizieren, geflüchteten Kriegsgefangenen oder nach beim Arbeitsamt nicht registrierten Jugendlichen fanden oftmals versteckte Juden. Dies hatte in der Regel tragische Folgen: Josef Burzminski, Zahnarzt aus Przemysl, erzählte während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, wie er Zeuge wurde, als eine ganze Familie mit acht Personen durch die Nazis ausgerottet wurde, weil im Haus dieser Familie ein jüdisches Kind versteckt war. Professor Kazimierz Kolbuszewski, der hervorragende Literaturhistoriker und ehemalige Dekan der humanistischen Fakultät in Wilna, wurde in Lemberg verhaftet, weil er seinen früheren jüdischen Studenten geholfen hat, und im Jahre 1943 im Lager Majdanek ermordet; zahlreiche Bauernfamilien, vor allem im ehemaligen Galizien, wurden erschossen, weil sie Juden Unterschlupf gewährt hatten.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1942 zeichnete sich bei den bis dahin geretteten und in geschlossenen Wohngebieten zusammengedrängten Juden deutlich der Entschluß ab, bei weiteren Mordaktionen den Nazis Widerstand zu leisten. Die bereits im Sommer 1942 im Warschauer Ghetto bestehende Untergrund-Kampforganisation wurde mit Unterstützung von Menschen verschiedener Weltanschauung, des rechten und linken Flügels der Zionisten sowie des Arbeiterverbandes „Bund“ umgestaltet. Am 2. Dezember 1942 nahm diese Organisation den offiziellen Namen „Jüdische Kampforganisation (ZOB)“ an, unter welchem sie später ruhmvoll in die Geschichte der europäischen Widerstandsbewegung einging.

Die Beweggründe der jungen Leute zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die die Kampforganisation ins Leben riefen, waren idealistische: „Wir wollen nicht unser Leben retten. Wir wissen, daß keiner von uns lebendig hier herauskommt, aber wir wollen die menschliche Würde retten“, erklärte im Herbst 1942 einer von ihnen, Arie Wilner. Er bleibt in unserer Erinnerung als eine der schönsten Gestalten der Jugendkampfbewegung. Vom Ghetto wurde er zur „arischen“ Seite delegiert, um von der polnischen Untergrundbewegung Waffen für den Kampf zu besorgen. Wilners Enthusiasmus, sein Mut und seine Opferbereitschaft erwarben die Achtung aller Polen, mit denen er in Berührung kam. Seine Mission erfüllte er: Er erhielt eine Anzahl von Revolvern. Vor dem Aufstand hat die polnische Untergrundbewegung an Waffen ins Ghetto geliefert: 70 Pistolen mit zwei Magazinen und Munition, 500 Granaten, Sprengstoffe mit großer Sprengkraft samt Lunten und Zündhütchen, Material zur Herstellung von Zündflaschen und Handgranaten; in einem zweiten Schub: 1 Maschinengewehr, 1 Maschinenpistole, 20 Pistolen mit Magazinen und Munition, 100 Handgranaten, Diversionsmaterial wie Zeitbomben und Zeitzünder in größerer Menge. Beachtlich war die geheime Produktion von Granaten und Zündflaschen im Warschauer Ghetto selbst durch Ing. Michal Klepfisz vom „Bund“.

Am 6. März 1943 wurde Wilner von der Gestapo verhaftet und gab stolz zu, Mitglied einer jüdischen Untergrundorganisation zu sein. Trotz unmenschlicher Folterung verriet er keine Adresse, keinen Namen, keinen Menschen. Mit Hilfe von polnischen Freunden gelang es ihm, kurz vor dem Ausbruch des Aufstandes im Warschauer Ghetto aus dem Gefängnis zu flüchten, er lehnte jedoch kategorisch die ihm angebotene Zuflucht auf der „arischen“ Seite ab. Er begab sich ins Ghetto, um zu kämpfen. Dort fiel er wie ein Held neben dem jungen Kommandanten Anielewicz.

„Erinnert euch, daß wir, die jüdische Zivilbevölkerung, uns an der Front des Kampfes um Freiheit und Menschlichkeit befinden!“ lautete einer der ersten Aufrufe der Jüdischen Kampforganisation vom Dezember 1942.

Die finanzielle Hilfe der jüdischen Weltorganisationen war für die Rettungsaktion von größter Bedeutung, ja man könnte sagen, daß diese vom Jahre 1943 an eine Wende herbeiführte. Die Beträge wurden durch die Vermittlung der polnischen Regierung in London in das besetzte Polen überwiesen. Seit den ersten Monaten der Okkupation, noch vor der Schließung der Ghettos und vor dem Beginn der Massenvernichtungsaktionen, erhielten Tausende von jüdischen Familien in Polen Lebensmittel- und Kleiderpakete und Geld aus den neutralen Ländern. Während der Zeit, in der das gesamte jüdische soziale Leben in die Illegalität gezwungen war, fiel der Untergrundbewegung die Aufgabe zu, die jüdischen Fonds aus den Ländern der freien Welt zu empfangen und zu verwenden.

Der Arbeiterverband „Bund“ erhielt in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 ungefähr 10 000 Dollar und im Jahre 1943 mindestens 48 000 Dollar. Man muß sich vergegenwärtigen, daß diese Fonds ausschließlich für Verteidigungszwecke (Ankauf von Waffen) und Hilfeleistungen an Menschen ohne jedwede Belastung für Verwaltung usw. verwendet wurden.

Im Winter 1942/43 machten wir in einer Versammlung des Hilfsrates den Vertetern der Untergrundbewegung einen Vorschlag zur Rettung der Ghettos. Wir machten uns erbötig, auf der „arischen“ Seite unter der polnischen Bevölkerung Verstecke für die noch am Leben verbliebenen, in kultureller, intellektueller und sozialer Hinsicht aktiv wirkenden Menschen und für die Kinder ausfindig zu machen. Die Jüdische Kampforganisation und die mit ihr verbundenen politischen Faktoren der Untergrundbewegung des Ghettos gaben eine negative Antwort: Sämtliche erwachsene Bewohner des Ghettos sollten an der Selbstverteidigung und am Kampf teilnehmen. Sie beschlossen, daß nur Kinder und jene Einzelpersonen, die mit Rücksicht auf ihr Alter oder auf ihren Gesundheitszustand bei der Organisierung des Ghettos von keinem Nutzen sein würden, gerettet werden sollten. Diese Haltung unserer Freunde jenseits der Mauer erweckte in uns die größte Hochachtung.

Im Morgengrauen des 19. April

Man konnte diesen monatelang systematisch vorbereiteten Kampf nicht als einen Akt der Verzweiflung betrachten, der in Ermangelung eines anderen Auswegs gewählt wurde. Im Gegenteil: die wichtigsten Organisatoren und Führer des Ghetto-Aufstandes waren Menschen, die jede Möglichkeit hatten, ihr eigenes Leben zu retten, die über sichere Kontakte mit der polnischen Untergrundbewegung verfügten und die besten Aussichten hatten, unter der polnischen Bevölkerung den Krieg zu überleben.

Anfang April 1943 sandten die Organisationen Hechaluz und Haschomer durch unsere Vermittlung einen Funkspruch folgenden Inhalts nach Tel Aviv (zu Händen Tabenkins und Jaaris, der Führer der Chaluz- und Schomer-Bewegung in Palästina): „Die am Leben gebliebenen Anhänger kämpfen um die Ehre des überlebenden Judentums in Polen.“ Anielewicz selbst, der vierundzwanzigjährige Befehlshaber der Jüdischen Kampforganisation, appellierte damals an die Juden Warschaus: „Große Scharen von uns, Tausende, mögen sich in Bereitschaft halten. Wir Verden uns zu einer Armee verbinden. Gleichgültig, wer du bist und wie du denkst – wenn du eine stolze Seele und ein Herz hast, das nicht vom schmutzigen Gift der Straße verdorben wurde, komm zu uns! Stelle dich Schulter an Schulter mit ins im Kampf um das Leben dieser hoffnungslosen, zum Tode verurteilten Massen.“

Der Frühling des Jahres 1943 kam früh, die Apriltage waren freundlich und im allgemeinen warm, auf den Straßen Warschaus herrschte ein verhältnismäßig starker Verkehr. Am Palmsonntag, dem 18. April 1943, verbreiteten sich in Warschau Gerüchte, daß in den nächsten Stunden irgendeine große Polizeiaktion im Ghetto erfolgen solle.

„In der Nacht vom Sonntag zum Montag schlief niemand“, erinnerte sich ein Funktionär des Jüdischen Nationalkomitees. „Die Posten der Kampfgruppen standen auf Wache. Die Zivilbevölkerung begab sich in die Schutzräume, in die Keller oder auch in die Obergeschosse. Die Wohnungen standen leer. Die ersten Meldungen der Beobachter lauteten: Die Ghettomauern sind von der deutschen Soldaten umstellt. Eine Aktion also.“

Im Morgengrauen des 19. April – am Tage des 14. Nissan, Erew Pessach – rückten 850 SS-Männer und 16 Offiziere der Waffen-SS unter Bedeckung von Panzern und zwei Schützenpanzerwagen in das Ghetto ein. Schon nach einigen hundert Metern begegneten sie unerwartetem Widerstand: Die Jugendlichen der Jüdischen Kampforganisation warfen Handgranaten und Zündflaschen aus den Fenstern der umliegenden Häuser. Einer der Panzer wurde getroffen und ging in Flammen auf; auf der Straße fielen zwölf Nazis, und die SS-Kolonne zog sich eiligst aus dem Ghetto zurück. Nach zwei Stunden nahmen die Deutschen die Kampfaktion wieder auf, diesmal mit größerer Vorsicht und größerem Kräfteeinsatz. Das Kommando übernahm der Generalmajor der Polizei und SS-Brigadeführer Jürgen Stroop.

Ich wohnte zu jener Zeit in Zoliborz, einem nördlich vom Ghetto gelegenen Vorort Warschaus. Am Morgen des 19. April, unmittelbar nachdem ich meine Wohnung verlassen hatte, erfuhr ich von Straßenbahnern von dem Kampf im Ghetto. Ich begab mich sofort in ein Lokal der Untergrundbewegung, das der Sitz des Jüdischen Referats der Delegatur der polnischen Exilregierung war. Zufällig befand sich gerade dieses Lokal in einer Entfernung von einigen hundert Metern von der drei Meter hohen Mauer des Ghettos nächst der Bonifraterskastraße. Das Ghetto hallte vom lärmenden Geknatter der Maschinengewehre, und von Zeit zu Zeit folgten laute Explosionen. In der Nähe der Mauer hielten sich in dichten Reihen die SS-Männer, die Polizei und die lettisch-ukrainischen Hilfstruppen auf. Alle Augenblicke fuhren Panzer und Autos mit Nachschub für die Nazis vorüber, während die deutschen Ambulanzwagen in die entgegengesetzte Richtung fuhren.

Am Abend unternahm eine Abteilung von etwa zwanzig Soldaten der polnischen Heimatarmee einen Angriff auf die Ghettomauer und versuchte, sie zu sprengen. Diese Abteilung stand unter dem Kommando von Pionierhauptmann Josef Pszenny. An der Mauer entbrannte ein erbitterter Kampf zwischen der kleinen Gruppe, die mit Maschinenpistolen und Granaten bewaffnet war, und den vielfach stärkeren Formationen der SS und der Polizei. Das Ergebnis war unschwer vorauszusehen: Es wurden zwar einige deutsche Polizisten getötet und die Mauer beschädigt, aber zwei Soldaten der polnischen Untergrundbewegung fielen im Kampf, vier wurden schwer verletzt, der Rest mußte sich zurückziehen. Die erste polnische Kampfhandlung an der Ghettomauer hatte also eher moralische als militärische Bedeutung.

Hilferuf an die Alliierten

Der bewaffnete Widerstand des Ghettos rief große Bewegung in Warschau hervor. Massen von Menschen versammelten sich an den Mauern und besonders in der Bonifraterskastraße, von wo aus die weiß-rote Fahne zu sehen war, die neben der jüdischen weiß-blauen hoch oben auf einem der Häuser am Muranowski-Platz gehißt war, wo eine jüdische Abteilung kämpfte. Ein Stoßtrupp griff auf Befehl Stroops die jüdischen Stellungen in diesem Abschnitt an, und am 20. April riß er nach verbissenem Kampf beide Flaggen herunter.

In einem am 28. April 1943 nach London übermittelten Funkspruch hieß es: „Die Haltung der Verteidiger erweckt unter der Bevölkerung des Landes Bewunderung und unter den Deutschen Beschämung und Wut (.. .). Sofortige erfolgreiche Hilfe hegt jetzt ausschließlich in der Macht der Alliierten. Im Namen der Millionen schon gemordeten Juden, im Namen jener, die jetzt verbannt und massakriert werden, im Namen der heldenhaft Kämpfenden und von uns allen zum Tode Verurteilten rufen wir die ganze zivilisierte Welt auf: Jetzt und nicht im Halbdunkel der Zukunft möge der mächtige Gegenschlag der Alliierten gegen den blutrünstigen Feind in der einzig verständlichen Sprache der Vergeltung geführt werden.“

Leider blieben diese Appelle erfolglos. Nach einiger Zeit erhielten wir aus Tel Aviv eine Radiobotschaft an die Adresse des Jüdischen Nationalkomitees in Warschau, die das „Komitee zur Rettung der Juden im besetzten Europa“ zum Absender hatte. Der Inhalt war vielsagend: „Den ganzen Krieg hindurch suchen wir Mittel und Wege, mit euch Verbindung aufzunehmen und euch Hilfe zu bringen. Leider begegnen wir einer unbezwinglichen Gleichgültigkeit und einem Widerstand seitens jener, in deren Händen die Möglichkeit eurer Rettung liegt.“

Ich erinnere mich noch deutlich an den Eindruck, den ein Brief des Befehlshabers Anielewicz auf uns machte. Das Schreiben wurde von ihm am 23. April 1943, also am fünften Tag des Ghettokampfes, verfaßt und war an seinen Vertreter und Freund Jitzchak Cukierman auf der „arischen“ Seite gerichtet: „Das, was wir erleben, übersteigt unsere verwegensten Vorstellungen. Die Deutschen flüchteten zweimal aus dem Ghetto. (...) Das wichtigste ist dies: Der Traum meines Lebens ist in Erfüllung gegangen – ich erlebte die jüdische Selbstverteidigung im Warschauer Ghetto in ihrer ganzen Pracht und Größe!“

Mittlerweile steckten die Deutschen ein Haus nach dem anderen in Brand, eroberten die befestigten Bunker, töteten auf der Stelle Tausende von Menschen, und diejenigen, die sie lebendig gefangennahmen, brachten sie in die Vernichtungslager. Über der Stadt lagen während des Tages schwarze Rauchwolken, und in der Nacht erleuchtete der Feuerschein den Warschauer Himmel, ähnlich wie in den Tagen der Belagerung im September 1939. Die anfängliche Erregung der Bevölkerung wich einer dumpfen Niedergeschlagenheit und dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit.

Knapp nach den Osterfeiertagen erreichte uns der letzte Bericht des Kommandos der Jüdischen Kampforganisation (vom 26. April 1943), in welchem Anielewicz unter anderem feststellte: „Unsere letzten Tage sind nahe, aber solange wir noch Waffen in den Händen haben, werden wir kämpfen und Widerstand leisten.“ Und tatsächlich – sie leisteten Widerstand bis zum letzten: bis zum 8. Mai 1943, dem zwanzigsten Tag der Kämpfe, als die Deutschen den zentralen Bunker der Jüdischen Kampforganisation entdeckten. Der Stab der Jüdischen Kampforganisation ergab sich nicht lebend in die Hände des Feindes. Mordechaj Anielewicz und seine engsten Kampfgenossen nahmen sich am 8. Mai 1943 im von SS-Männern umstellten Bunker in der Mila Straße 18 das Leben. Etwa zehn Teilnehmern der Kämpfe im Ghetto gelang es, mit Hilfe von Polen, durch unterirdische Kanäle auf die „arische“ Seite zu entkommen. Einige von ihnen nahmen noch einmal die Waffe gegen die Deutschen in die Hand, und zwar während des allgemeinen Aufstandes in Warschau im August und September 1944.

Am 16. Mai 1943 meldete General Jürgen Stroop telegraphisch an General Krüger in Krakau: „...Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschaus besteht nicht mehr. Mit der Sprengung der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet... Gesamtzahl der erfaßten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt 56 065.“

Nachdem die Kämpfe ihren Abschluß gefunden hatten, begannen die Deutschen mit der systematischen Zerstörung des ehemaligen jüdischen Bezirks, der etwa 400 Hektar umfaßte, und verwandelten ihn in ein Trümmerfeld. Sie bedienten sich bei diesem Zerstörungswerk unter anderem der unbezahlten Arbeitskraft von Gefangenen, von ungarischen, slowakischen, griechischen und polnischen Juden, die von Auschwitz dorthin kommandiert wurden und in einem kleinen Lager im entvölkerten Gebiet des Ghettos untergebracht waren.

Die endgültige Zerstörung des Warschauer Ghettos im Mai 1943 ging mit einer gleichzeitigen Verschärfung des Terrors gegen die polnische Intelligenz in Warschau und in den anderen Städten innerhalb des sogenannten Generalgouvernements einher. Nach der Sprengung der Warschauer Synagoge wurden an einem einzigen Tag annähernd 700 Personen (darunter zwanzig Prozent Frauen) aus stadtbekannten und hochgeachteten polnischen Familien in das Gestapogefängnis eingeliefert, um nach ungefähr 14 Tagen – nach bewährtem Vorbild – ohne Schuldbeweise irgendwelcher Art und ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet zu werden. Diesmal wurde der Mord auf dem entvölkerten Gebiet des Ghettos begangen, das seit Mai 1943 zur ständigen Richtstätte sowohl für die von der Gestapo verhafteten Polen als auch für jene Juden geworden war, die von den Nazischergen auf der „arischen“ Seite aufgespürt wurden. Nicht zum erstenmal während der Okkupationsjahre in Polen bemühte man sich, auf diese Weise das Volk einzuschüchtern und seinen Widerstandswillen zu lähmen.

Diese terroristischen Maßnahmen bewirkten gerade das Gegenteil dessen, was sie bezweckten. Nach dem Warschauer Vorbild erhob sich im Juni 1943 die jüdische Jugend in Lemberg und Tscnenstochau und am 3. August in Bedzin zum Widerstand gegen die Deutschen; am 16. September brach ein größerer jüdischer Aufstand in Bialystok aus, der von den Nazis mit Artillerie- und Fliegereinsatz niedergeworfen wurde! Auch die unglücklichen am Leben gebliebenen Insassen der Lager Treblinka und Sobibor rafften sich zu einer Tat auf; in diesen beiden Vernichtungslagern fanden am 2. August und am 14. Oktober 1943 bewaffnete Aufstände statt. Mittlerweile verging in Warschau keine Woche ohne neue Attentate der polnischen Untergrundorganisation, die auf Funktionäre der deutschen Polizei, der Gestapo und der Naziadministration oder auf Verräter aus den eigenen Reihen verübt wurden. In der Stadt brannten deutsche Waffenlager nieder, und Bomben explodierten in verschiedenen deutschen Institutionen.

Vor den Augen der Welt

Im Mai 1943, als sich die Kämpfe im Ghetto ihrem Ende näherten, wandte sich eine mir bekannte polnische Pfadfinderin, Maria Kann, die damals am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere stand, an mich mit der Bitte um Dokumente; sie benötigte diese für eine Publikation, die sie als einen „Aufruf an das Weltgewissen“ zu schreiben beabsichtigte. Ich gab ihr die Abschriften der Kommuniques und Funksprüche der jüdischen Organisationen, die ins Ausland gesendet wurden, sowie der Berichte über die Tätigkeit der jüdischen Kampforganisation, die dem Jüdischen Referat der Regierungsdelegatur geliefert wurden. Auf Grund dieses und anderen Materials verfaßte die Autorin eine ziemlich umfangreiche Broschüre, die unter dem Titel „Vor den Augen der Welt“ im Sommer 1943 in einer geheimen Druckerei in Warschau mit einer Auflage von 2100 Exemplaren gedruckt wurde.

„Vor den Augen der Welt, vor unseren Augen, vor den Augen unserer Jugend wurde ein Volk ermordet“, schrieb Maria Kann. „Wir sahen untätig zu. Trotz der ganzen Empörung gewöhnten wir uns an den Gedanken, daß man morden darf, daß man für lebende Menschen Krematorien errichtet. In den Gemütern der Kinder beginnt der Gedanke zu keimen, daß es verschiedene Arten von Völkern gibt. ,Herren‘, ,Knechte‘ und schließlich ‚Hunde‘, die man straflos töten darf. Dies ist die schrecklichste Saat des blutigen Führers ... Die Welt wird einmal aufhören, ein Schlachthaus zu sein. Ordnung und Friede werden zurückkehren. Und viele Jahre später wird ein Kind fragen: ‚Hat man einen Menschen oder einen Juden getötet, Mutter?‘“