Von Dieter E. Zimmer

Wieder ist ein. Paradies von der Landkarte zu streichen: jenes Samoa, das die amerikanische Anthropologin Margaret Mead 1928 in ihrem Buch "Heranwachsen in Samoa" beschrieben hatte, eine Gruppe glückseliger Eilande in der Südsee, wo anmutige Menschen an besonnten Palmenstränden ein vor allem und in jeder Hinsicht "leichtes" Leben führen, ein Leben ohne ernste Konflikte, Frustrationen und Sorgen.

Im Jahre 1961 erinnerte sich die Autorin: "Wer die amerikanische Gesellschaft der zwanziger Jahre als raubgieriges, gefräßiges Ungeheuer empfand, begrüßte mein Buch als Zuflucht: als geistige Zuflucht, die einer körperlichen Flucht auf eine Südseeinsel, wo Liebe und Behagen auf der Tagesordnung stehen, gleichkommt." Millionen von zivilisationsmüden Lesern auf der ganzen Welt bezogen und beziehen bis heute aus diesem Buch Trost und Hoffnung; es dürfte kein anderes Werke der Anthropologie geben, das eine ähnliche Verbreitung gefunden und den Zeitgeist ähnlich stark mitgeprägt hätte.

Wer hätte Prosa wie dieser widerstehen können? "Sobald der Tag zwischen den sanften braunen Dächern dämmert und die schlanken Palmen sich vom farblosen, glitzernden Meer abheben, schlüpfen Liebende vom Stelldichein unter Palmen oder auf dem Strand im Schatten von Kanus nach Hause, damit das Licht jeden Schläfer am richtigen Ort findet. Hähne krähen schläfrig, und von den Brotfruchtbäumen ertönt eine schrille Vogelstimme. Das eindringliche Tosen der Vogelscheint plötzlich gedämpft – nur noch Begleitmusik für die Geräusche des erwachenden Dorfes ..."

Margaret Mead war eine hervorragende Schriftstellerin; doch ihr idyllisches Samoa-Bild stand immer seltsam unvereinbar zwischen den Samoa-Bildern anderer Berichterstatter, früherer und späterer. Erst jetzt jedoch, 55 Jahre nach der Publikation ihres Buches und fünf Jahre nach dem Tod der Autorin, hat ein anderer Anthropologe, der Neuseeländer Derek Freeman, dieses Samoa-Bild systematisch überprüft. Sein Ergebnis: Es war nicht nur etwas zu lieblich eingefärbt, sondern in den meisten seiner zentralen Aussagen schlicht falsch. Satz für Satz, Satzteil für Satzteil begräbt er unter widersprechenden Zeugnissen: von den samoanischen Mythen über die Berichte früher Reisender und Missionare, über andere anthropologische Studien, Akten, Statistiken bis zu seinen eigenen extensiven Beobachtungen.

Freemans Buch "Margaret Mead and Samoa" (soeben bei der Harvard University Press erschienen, für den kommenden September vom Kindler Verlag in einer deutschen Ausgabe angekündigt) bezichtigt die Große Alte Dame der Anthropologie nicht des absichtlichen Betrugs. In seinem nüchtern-kritischen Licht erscheint Meads Samoa-Bild vielmehr als das Werk einer gewaltigen Selbsttäuschung – ein Monument für die Macht des Wunschdenkens. Es ist ein geradezu unheimlicher Fall: wie auch der intelligenteste und scharfsinnigste Reporter genau das findet, was er sucht, wenn er es nur begehrlich genug sucht. Und ist es darüber hinaus genau das, was auch die Öffentlichkeit hören will, so ist ein zählebiger neuer Mythos geboren. Die ersten Reaktionen auf Freemans Buch zeigen, daß auch das Publikum sein Paradies nicht leicht preisgeben wird.

Margaret Mead traf im August 1925 mit sechs Baumwollkleidern, einem Photoapparat und einer Reiseschreibmaschine auf einem Dampfer der Matson-Linie von Honululu aus in Pago-Pago ein, dem Haupthafen der östlichen, amerikanischen Samoa-Inseln. Eine Bordkapelle spielte Ragtime. Die Passagierin war 23 Jahre alt, es war ihre erste Auslandsreise, noch nie hatte sie allein in einem Hotel übernachtet. Jetzt nahm sie ein Zimmer in einem heruntergekommenen Hotel und fand eine einheimische Krankenschwester, die ihr jeden Tag eine Stunde Anfangsunterricht in der samoanischen Sprache erteilte.