Von Ben Witter

Bevor Oberstudienrat Dr. B. die Grünen wählte, mußte ihn die Erinnerung überwältigt haben. Ja, 1930 war er Wandervogel geworden, dann Werkstudent. Naturfreund blieb er und Nichtraucher. Ohne Hut ging er und trug Lodenmäntel. Seine Frau fühlte am liebsten Leinen an; aus Seide hatte sie nichts. Und ihre Lippen hatten das natürliche Rot. Festes Schuhzeug stand immer bereit. In einer Lehrerzeitung veröffentlichte er manchmal aufrichtige Gedichte über das einfache Leben und, wie er es ausdrückte: "Die Augen der Natur" und was alles in einen Rucksack paßt. Im Krieg war er nicht mehr für Hitler und redete sich mit Heimat heraus, und bei Kampfhandlungen klammerte er sich an die Erde.

Nach dem Krieg fand er bald alles zu amerikanisiert und wählte die SPD, weil dort Männer aufgetaucht waren, die ihrer Gesinnung die Treue gehalten hatten und den Glauben an Brüderlichkeit und Gleichheit. Und es dauerte nicht lange, da lobte Dr. B. wieder das alte deutsche Liedgut. An den Liedermachern störte ihn, daß von "machen" die Rede war, was aber nur untertrieben klingen sollte. Und seine jungen Kollegen versuchten, schließlich das an den Schülern zu verwirklichen, was ihm stets Sinn und Aufgabe gewesen ist: jedem seine Chance und sein Glück.

Nur mit ihrem Wortschatz haderte er, wollte die deutsche Sprache nicht wieder von Fremdwörtern oder Parolen überrumpelt wissen, denn wo hatten Worte nicht auch Fronten geschaffen, mit allem, was dazugehört. "Nie wieder Krieg", das war nie sein Schlachtruf gewesen, sondern eher ein Gebet und Friede kein absoluter Begriff. Falls es heute jedoch überhaupt noch um etwas mit ganzer Kraft zu kämpfen galt, dann nur für den Frieden und eine gesündere Umwelt. Dieser Bewegung schloß er sich an. Dr. B., inzwischen pensioniert, ist radikaler geworden und hat auch ein neues Gottesgefühl.

"Sagen Sie nicht ,Bewegung‘", sagte ich, "das geht zu tief und wirkt wieder so deutsch und hängt mit Gemüt zusammen, und dazu gehört auch wieder Sehnsucht, und das muß man alles möglichst schon von weitem sehen." Und Sie sagten wieder, daß Sie gegen Zeremonien sind und alles, was zu glatt und zu stramm sitzt und das Herz nicht trifft. Herr Dr. B., Sie waren immer ehrlich, so gut es eben ging, und sind es auch geblieben. Und Sie haben es immer wirklich gut gemeint. Und das ist es ja gerade, was ich sagen wollte, damit reicht man immer nur so weit wie mit dem Gemüt.